Ein Schein von Vergänglichkeit

Einleitung

Was bleibt von uns, wenn wir nicht mehr sind? Körper und Geist können der Vergänglichkeit nicht trotzen. Erinnerungen bleiben weitergetragen durch andere, doch wie Farben im Laufe der Zeit, sind auch sie verdammt und verblassen immer mehr. Gedanken und Erfahrungen können in Briefen oder Tagebüchern eingefangen werden, unser Abbild als Photographie. Doch alles bleibt nur ein Schein des einstigen Lebens. Dann gibt es noch das durch Menschenhand Geschaffene: Gegenstände, Werkzeuge, Häuser, Straßen und Städte. Manches behält seine Funktion und wird durch andere weitergenutzt, anderes wird nicht mehr benutzt und verfällt langsam im Laufe der Zeit. Ruinen werden geboren aus dem was früher war, als mögliche Manifestation des Vergangenen. Verlassen fristen sie ihr Dasein und deuten nur noch an, was sich einst in ihnen ereignete, viele Geschichten und viele Geheimnisse tragen sie in sich. Doch stumm und ohne Bestimmung steht die Ruine da, kaum ein Echo der Vergangenheit ist zu vernehmen, und eröffnet (als müsste man Raum zwischen zwei Klammern erst selbst füllen) eigenen Gedanken und Emotionen einen Raum: Gedanken über die Vergänglichkeit unserer Existenz,  über den Preis der schnelllebigen Gesellschaft.

Manuel Mozos fängt genau das ein, verlassene Orte in all ihrer Stille und Ruhe. Nüchtern zeigt er die "Nicht-Zeit" um sie herum, zeigt das Werk der Zeit, die langsame Rückeroberung der Natur, lässt einen Schein aufkommen von dem, was einmal war, ohne diesem aber wirklich nachzugehen, er hält sich zurück, beleuchtet auch nicht den Grund des Verfalls, urteilt nicht, fängt ihn nur ein, in seiner Traurigkeit, Leere, aber auch Schönheit. Und wenn er doch nach Geschichten sucht, so sind es nicht Geschichten von Menschen, sondern die der Orte und Gebäude. Was über Erzählungen und Berichte aus dem Off getragen wird. Geht es ihm also darum, das Schöne dieser Orte zu zeigen, unsentimental und roh, ohne es zu inszenieren? Der schlichte dokumentarische Stil, der die Ruinen als "Stillleben" mit rein ästhetischer Bedeutung zeigt, könnte allerdings auch täuschen oder besser gesagt, dies könnte nur die eine Lesart sein, denn dahinter – und oft erst auf den zweiten Blick - eröffnet der Film einiges an interessanten Fragen, an subtiler Symbolik und gelungener Narration.

Denn das große Thema der Vergänglichkeit – die Vanitas - scheint allgegenwärtig zu sein. Das Scheitern des Menschen etwas für die Ewigkeit zu schaffen und die gleichzeitige Suche Gewalt über Leben und Tod zu erlangen, ist seit jeher eines der größten Themen der Kulturgeschichte. Und auch ein Stück Gesellschaftskritik verbirgt sich im Film, indem jede Ruine auch "ideelle Ruinen" Portugals und der gesamten westlichen Gesellschaft reflektiert. Inwiefern Mozos dies bewusst macht, ist aber nicht festzustellen. Unabhängig davon was Mozos tatsächlich vermitteln wollte, die Vanitas und das Mahnende der Ruinen oder bloß eine simple Hommage an Ruinen in seinem Heimatland, im folgenden Essay soll jeder Interpretation Raum gegeben werden.

 

Filmanalyse

Ruínas beginnt mit einem Paradox, das sich im Film nicht mehr wiederholt. Ein desolates Hochhaus wird gesprengt und somit eine Ruine endgültig dem Erdboden gleichgemacht. Danach wird ein äußerst belebter Friedhof gezeigt, viele geschäftige Menschen sind dabei den letzten Schein ihrer Verstorbenen zu bewahren. Doch nicht das Zerstören und auch nicht die "lebendigen" Menschen sind für Mozos von Bedeutung, vielmehr würdigt er im restlichen Film die traurigen und verlassenen Orte. Lange, statische Einstellungen beharren auf den Ruinen oder Gegenständen, ohne dramatisierendes Element (Schnitt, Licht, usw.) sitzen sie im Bild. Einstellungen wie ein Stillleben aus der Malerei entnommen. Kameraschwenks oder Kamerafahrten gibt es überhaupt nicht. Der Blick auf das scheinbare "Nichts" bekommt ebenso reichlich Aufmerksamkeit wie simple Objekte in Detail-/Großaufnahme, Innenräume und schließlich die Ruinen und ihre Umgebung in der Supertotalen. Eine Stringenz oder Ordnung lässt sich nur insofern erkennen, dass jeder Ort sehr umfassend und geduldig gezeigt wird. Die Narration ist sehr offen, Szenen werden fragmentarisch aneinandergereiht und ergeben kleine Episoden über die einzelnen "Ruinen", auch das Ende bleibt offen. Das Lebendige in den Einstellungen - Bewegung und Dynamik – ist das, was nicht vom Menschen kommt: Ein Vogelschwarm über dem Hausdach, die Brandung am Meer, Gräser im Wind. Auch die Tonebene bestätigt das und bildet damit die Grundatmosphäre des Films, die nur abschnittsweise durch äußerst sparsam eingesetzte sphärische und minimalistische Musik ergänzt wird.

Im Vordergrund der Tonebene erweckt allerdings eine Erzählerstimme aus dem Off die Geister der Vergangenheit dieser Orte. Emotionslos werden Krankenakten des Sanatoriums vorgelesen oder die Speisekarte im verfallenem Restaurant. Persönliche Schicksale eines bestimmten Menschen werden allerdings nie auf die Ruinen projiziert, denn es geht Mozos um die Geschichten der Orte. Diese vorgetragenen Erzählungen – im Kontrast zu den statischen Einstellungen auf der Bildebene - hauchen den Orten durchaus etwas Lebendiges ein und geben konkrete Informationen zum Ort, die Zeitebene ist aber weit in die Vergangenheit verschoben und der Zuschauer erfährt somit was vor vielen Jahren passierte, noch bevor dieser Ort zur Ruine wurde. Hier liegt auch das Problem wenn man kein Portugiesisch spricht: während sich Bild und Ton in der Originalfassung perfekt ergänzen, und zusätzlich auch einen inhaltlichen Kontext zu Portugal herstellen, muss man sich in adaptierten Fassungen mit Untertiteln begnügen. Wobei der Schwall an Text und Informationen wiederum zu stark von der Bildebene ablenkt, und sich der nachteilige Zwang ergibt, sich für Bild oder Text entscheiden zu müssen.

 

Vanitas-Symbolik

Wenn Ruínas eine Hommage an verlassene Orte und ihre Geschichten ist, so ist es doch im selben Maße auch eine Beschäftigung mit der Vergänglichkeit des Menschen und all seines Schaffens. Die Melancholie des Verfalls oder das Scheitern des Menschen im Versuch etwas von Bestand zu schaffen, ist in jeder Einstellung des Films gegenwärtig. Vanitas-Symbole finden sich in fast jeder Einstellung. Und bei der umfangreichen Recherche und genauen Auswahl des endgültig verwendeten Materials über einen Zeitraum von 5 Jahren, und dem bekannten, detailverliebten und scharfen Blick Mozos, erscheint es unwahrscheinlich dass sich diese zufällig ins Bild geschlichen haben.

Der Beginn des Films zeigt eine Kirche und einen Friedhof, die Gräber werden gepflegt, die Leute gedenken den Verstorbenen. Denn "Tot ist nur, wer vergessen wird" (nach Kant) und so versucht man das Lebendige an Orten oder in Gedankenräumen zu bewahren und auf Objekte zu projizieren, um es so in die Unendlichkeit zu retten. Doch immer wenn eine Blume niedergelegt oder eine Kerze angezündet wird, tappt man in die Falle der Unmöglichkeit, etwas anderes als einen Schein bewahren zu können. Die (verwelkte) "Blume" und die "erloschene Kerze" (auch später flackern Kerzen in der Dunkelheit) sowie "Abbilder eines Toten" (die Statue hält sogar einen Blumenstrauß und ein Kreuz) sind einige der stärksten Vanitas-Symbole. So kommt es nicht von ungefähr, dass in der nächsten Einstellung verwelkte Blumen und Kränze zum Abfallwagen getragen werden, und Kerzen in der einbrechenden Dunkelheit flackern, ehe die Kamera auf ein Kreuz am Ende des Weges in der dämmrigen Ferne blickt.

In einem verlassenen Restaurant, etwas erhöht über einem Ort gelegen, liest eine Frauenstimme aus dem Off die Speisekarte vor. Das Gebäude ist, bis auf ein paar Einrichtungsgegenstände, fast gänzlich leergeräumt. Die Architektur der Moderne ist nicht mehr modern genug. Und selbst der Architekt Oscar Niemeyer, eine der prägendsten Figuren dieses Stils, meinte: "Das Leben ist nur ein Hauch" und "wenn wir sterben verschwinden wir". Er wurde nicht müde zu betonen, dass das Leben im Hier und Jetzt das wichtigste sei, auch wichtiger als sein Schaffen, seine Architektur und Ruhm, was ihm allerdings gleichzeitig über seinen Tod hinaus einen Platz in den Geschichtsbüchern sicherte. Was bleibt sind sphärische Klänge und der "Hall" früherer Restaurantgespräche. Der Hall beschreibt in der Physik das zeitlich versetzte, reflektierte Klingen einer ursprünglichen Schallquelle. Korrekt bezeichnet spricht man vom Nachhall. Der Nachhall ist auch an den folgenden Orten das symbolische Thema, zunächst in einer Höhle, dann in einem verlassenen Theater, während die Einstellungen mit Musik aus einer weit vergangenen Zeit unterlegt werden. Das leise Nachschwingen der Vergangenheit wird hier besonders durch die subtil eingesetzte Musik untermauert.

An mehreren Stellen des Films rücken "Symbole der Zeit" ins Bild, bzw. Symbole des Stillstands der Zeit: Eine stumme Glocke auf einem Haus- oder Kirchdach. Die Uhr am Kirchturm (es ist kurz vor zwölf). Die Uhr in der Halle des Stromkraftwerks, das durch seine sterile und befremdliche  Atmosphäre ohnehin jegliches Zeitgefühl aussetzt. Und Jahreszahlen auf Tafeln oder Gebäuden. Die Darstellung von Zeit steht symbolisch auch  für die Lebenszeit, und die Lebenszeit ist begrenzt und impliziert Sterblichkeit.

Auf einem alten, halb verrostetem Schiff hängt über dem Schreibtisch in einer der Schlafkabinen stolz ein Bild einer prächtigen, dreimastigen Fregatte. Die Pracht vergangener Tage kann es dennoch nur flüchtig wiedergeben. "Malerei und Abbildungen" die versuchen große Momente einzufangen thematisieren gleichzeitig die Unfähigkeit das Lebendige zu bewahren, ganz besonders den Moment der Abbildung. Bilder, religiöse Darstellungen oder Büsten und Statuen sind an mehreren Stellen des Films zu sehen. Gleich darauf werden persönliche Habseligkeiten der ehemaligen Besatzung gezeigt. Persönliche Gegenstände symbolisieren, dass der Besitzer es eben nicht bis zu jenem Zeitpunkt der Gegenwart geschafft hat.

Starke Symbolik weißt auch der "Tierschädel" auf, der, vom Lebendigen verlassen, im Garten eines Hauses (wie aufgebahrt) auf einem Betonsockel liegt, während um ihn herum der Schatten eines Baumes tanzt.

Eine solche Analyse der Symbolik könnte nun noch beliebig fortgesetzt werden: Bahnsteige an denen kein Zug mehr hält, Straßen die nirgendwo mehr hinführen, menschenleere Städte, Orte und Siedlungen. In der vorletzten Einstellung dämmert es und der Blick schweift in die Ferne. In der letzten Einstellung ist es Nacht und mit dem Vollmond endet der Film schlussendlich.

 

Ruinen

Im technischen Sinne bezeichnet "Ruine" ein zerfallenes Bauwerk oder dessen letzte Überreste. Während am Beginn des Films noch ein Hochhaus durch Sprengung endgültig abgetragen wird, sind es fortan die Ruinen, die man dem zeitlichen Verfall überlässt, und die Mozos thematisiert. Dass Ruinen einen kulturellen Wert besitzen könnten, wurde erst in der Renaissance wirklich aufgegriffen. Ein sogenanntes Denkmal hat mit der kollektiven Suche nach Identität und Erinnerung zu tun. Aufgeladen mit diesem symbolischen Wert, wird es im öffentlichen Interesse erhalten und gepflegt. Mozos' Ruinen gehören allerdings nicht zu jenen, die in einem denkmalpflegerischen Sinne erhaltenswert wären, es sind die Vergessenen, die Unwichtigen, "Nicht-Denkmäler". Sinnbildlich liegen bei ihnen das kollektive Vergessen und die Gleichgültigkeit näher, als das Erinnern. Vielleicht ist es aber der gesellschaftskritische Kontext eines Mahnmals der die Ruinen für Mozos interessant macht und weshalb er sie in seinem Film festhält und bewahrt.

Interessant ist zusätzlich die etymologische Verwandtschaft der Ruine mit dem Ruin: evoziert Mozos den Ruin des modernen Lebens? Glaubt man Mozos, war es aber nicht seine Absicht, vordergründig Kritik zu üben. Wie bereits erwähnt, sagte er im Interview nach der Premierenvorstellung es gehe ihm darum, das Schöne dieser Orte wiederzuentdecken. Und damit entspricht er zu einem Teil der aufklärerischen und romantischen Sichtweise, welche in Ruinen eben erstmals auch etwas ästhetisch wie symbolisch Schönes sahen. Eine vergleichbare Hochstilisierung findet aber natürlich nicht einmal im Ansatz statt.

 

Mozos Post-Apokalypse?

Der Großteil des Films zeigt eine beinahe post-apokalyptische Welt. Menschenleere Dörfer und Städte, kein Leben in den Straßen und Gebäuden, Bahnsteige an denen kein Zug mehr hält, und selbst die Kirchen sind verlassen, ein Gott oder Glaube ist nicht mehr hier. In manchen Szenen ist der Verfall schon fortgeschrittener, die Natur ist dabei zurückzuerobern, was der Mensch einst geschaffen hat, aber nicht bewahren konnte.

Hier sind zwei wesentliche Interpretationen möglich:
1.) Der Mensch ist gescheitert und hat sein eigenes Ende eingeleitet. Ein schnelllebiges Leben ohne Maß und Voraussicht, die Ausbeutung der Natur. So besiegelt der Mensch schlussendlich, nach biblischem Vorbild, sein eigenes Ende, die Apokalypse. Mozos zeigt tatsächlich kaum Menschen, sieht man vom Beginn des Films ab, kommt danach nichts lebendig-menschliches mehr vor die Kamera. Aber er zeigt Fahrzeuge in Bewegung: Autos, LKWs, Flugzeuge oder Maschinen. Diese vom Menschen berittenen Maschinen bieten eine klare Assoziation zu den "Apokalyptischen Reitern" der biblischen Prophezeiung, welche das Ende der Menschheit einläuten und symbolhaft vor Augen führen, dass der Mensch dies selbst verschuldet hat. Bilder wie die des verrottenden Schweinekopfes in der Mitte eines Raumes gesäumt von Blutspritzern, oder die vielen  Einrichtungsgegenstände, Werkzeuge und persönlichen Gegenstände, die kaum abgenutzt  zurückgelassen wurden, zeigen die Dekadenz des modernen Menschen und können ebenso mit Bibelstellen assoziiert werden. In der vorletzten Einstellung dämmert es, und der Blick schweift in die Ferne. In der letzten ist es Nacht, Vollmond, es ist vorbei.
2.) Gegen Ende des Films taucht u.a. der Kadaver einer Taube auf, ehe eine lebendige vor dem Fenster vorbeifliegt. Dies ist ein grundsätzlicher Ansatz des Films, das Einzige, das die Einstellungen mit Leben füllt, ist die Natur. Das Einzige, das sich bewegt, sind Tiere, Gräser im Wind, die Brandung am Meer.  Die Natur und ihre Rückeroberung des Raumes vom Menschen werden zum Thema. Ganz im Gegenteil zur Vergänglichkeit von allem durch Menschenhand Geschaffenem, verkörpert sie das ewige Leben, den Fortbestand, das immer Wiederkehrende, das immer neue Leben. Am Ende scheint die Natur alles, und Zeit und Geduld hat sie genug, wieder zurückzuerobern, und den Kampf gegen den gewaltsamen Einfluss des Menschen zu gewinnen. Die Evolution schreitet voran und die Spuren des Menschen sind noch als Ruinen erkennbar, werden irgendwann aber unweigerlich und komplett verschwinden. Etwas anders gedacht, könnte dies wiederum auch dem christlichen Glauben an das Paradies entsprechen: Die Natur als Garten Eden ist gleichzeitig die urzeitliche Stätte der Seligkeit und Gottesnähe und auch der ersehnte Endzustand des Menschen im Jenseits.

Die Post-Apokalypse ist natürlich auch gängiges Thema der jüngeren Kunst- und Kulturgeschichte. Zahlreiche Filme, Bücher, Serien, Comics beschäftigen sich mit der Thematik oder nutzen dieses Setting. Fast ausschließlich konzentrieren sich die Werke aber auf die Rettung und den zivilisatorischen Wiederaufbau von meist nur wenigen überlebenden Menschen. Eine Ausnahme bleibt die fiktive Dokumentations-Serie Life After People (2008), die als Vergleich herangezogen werden könnte, wäre sie nicht stilistisch ganz anders ausgerichtet.

 

Mozos und Ruínas

Ruínas ist ein stiller Film, irgendwo zwischen schlichter Dokumentation und geschicktem Essay-Film. Mozos reflektiert einerseits zerschlagene Utopien seiner Heimat Portugal, und bietet eine Parabel auf das Mensch-Sein an sich, mit all seiner Vergänglichkeit und Irrelevanz im Gesamtbild der Erdgeschichte. Andererseits scheint er schlicht die Ästhetik des Verfalls zu suchen, das Schöne daran in Bildern "einfangen und bewahren" zu wollen. Dabei bleibt Mozos seinem eigenen filmischen Stil mehr als treu: Realismus und der dokumentarische Blick kennzeichnen auch seine Spielfilme. Emotionen können aufblitzen, er inszeniert sie aber nicht in einem zwanghaft dramatischen Sinne. Und er projiziert einen größeren thematischen Komplex auf den Inhalt seiner Bilder. Wie Xavier im gleichnamigen Film, sind es die Ruinen in Ruínas, die ein Abbild der Orientierungslosigkeit, Dekadenz und Schnelllebigkeit des heutigen Portugals, sowie der gesamten westeuropäischen Welt darstellen. In seinen oft langen, statischen Einstellungen gibt er dem Bildinhalt viel Raum und Zeit, was den aufmerksamen Rezipienten permanent neue Gedanken- und Interpretationszugänge eröffnet. Die Kamera verweilt oft lange, womit er kleine Details oder einfach das "Nichts" zum Thema macht. Dies passiert aber durchaus elegant und oft mit tieferer (symbolischer) Bedeutung als vermutet. Mozos hat einen scharfen Blick für die Umgebung und für Details, die lange Recherche nach geeigneten Drehorten für Ruínas belegen das. Die Szenen werden dann fragmentarisch aneinandergereiht, was meistens ein Aushebeln jedes Zeit-Raum-Gefühls bewirkt und ebenso eine Stringenz der Narration verhindert. Das "Scheitern" wird nicht nur in Ruínas verarbeitet sondern auch in Quando Troveja und Xavier, hier scheitern allerdings direkt die Menschen. Ruínas zeigt auch wie gekonnt Mozos die Mittel des Films einsetzt und so über die Bild- und Tonebene verschiedene Informationen wirkungsvoll zusammenführt. So repräsentieren Bild und Ton zwar den identen Ort, aber nicht dieselbe Zeit: Die Erzählungen aus dem Off sind das Echo der Vergangenheit, während das Bild den Ort in der Gegenwart zeigt, beides trennt oft Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte. Der Ton vermittelt also primär Details zum Ort und erzählt Geschichten aus der Vergangenheit, doch die Hintergrundatmosphäre gibt wiederum das Jetzt wieder, sie ist zeitlich synchron zum Bild geschaltet, sie fängt  Hundebellen oder das Rauschen des Meeres ein, und unterstreicht einmal mehr den ideellen Ansatz des Films, nämlich die Vergänglichkeit des Menschen und seine Abwesenheit in der Gegenwart. Ein klares Ende, den Moment an dem sich der Kreis schließt, erleben wir bei Mozos aber nicht. Die Filme enden meist wie sie beginnen, offen und ohne die große Veränderung oder Wende. Es bleibt dem Rezipienten überlassen, seine Antworten zu finden, seine Erkenntnisse zu gewinnen.

 

Conclusio

Ruínas ist zweifellos eine Hommage an traurige und verlassene Orte, Mozos erkundet und dokumentiert. Er findet dabei sowohl das Schöne als auch das Hässliche, und zusätzlich bleibt ein großer Raum für das, was jeder selbst darin entdecken oder sehen möchte. Auch wenn Mozos das Thema Vanitas nicht vordergründig gesucht hat, so hat er es dennoch gefunden. Zahlreiche Symbole stützen das, und ergeben in der Darstellung des menschlichen Scheiterns durchaus eine zusammenhängende Narration: Warenfetischismus und Kapitalismus, die Ausbeutung unserer Umwelt, die Lernresistenz trotz historischer Erkenntnisse, unsere Gesellschaft und der Mangel an Respekt, Vernunft und Maß, und schließlich das Scheitern als das Resultat des modernen Lebens, die Post-Apokalypse, die Rückeroberung der Natur. Eine Parabel auf das menschliche Leben.

Das Schöne am Scheitern ist aber, dass es doch noch ein Danach geben kann, eine neue Chance etwas besser zu machen, weiser zu handeln. Und dann kann man wiederum den Kampf um Beständigkeit aufnehmen, denn das ist es, im Großen wie im Kleinen, was die Menschen suchen, Sicherheit, eine funktionierende Gesellschaft, beständiges Glück.

Für mich persönlich sind es die kleinen Details, die Ruínas so faszinierend macht. Manche Episoden des Films sind einfach schön und wecken zugleich intensive Gedanken. Es kommt die Frage auf, nach der Beziehung zwischen Ort und Erinnerung. Wie sehr brauchen unsere Erinnerungen Orte, damit wir sie nicht verlieren, als Bewahrer einstigen Seins? Oder Fragen zur westlichen Erinnerungskultur an sich, welche das Thema der Vergänglichkeit (wie auch des Alterns) eher verdrängt. Das kollektive Vergessen und Verdrängen ist weit verbreitet. Wohingegen die japanische Kultur sogar in der Kirschblüte den Lauf der Dinge erkennt. Eine Schönheit die zu tausenden verwelkt und vergeht ehe sie im nächsten Jahr wiederkehrt. Eine Schönheit die Teil eines noch viel größeren Kreislaufes ist.

 

Verwendete Literatur:

Kretschmer, Hildegard: Lexikon der Symbole und Attribute in der Kunst. Stuttgart 2008.

http://de.wikipedia.org/wiki/Vanitas

Battistini, Matilde: Symbole und Allegorien. Berlin 2003.

Ravenal, John B.: Vanitas. Meditations on Life and Death in Contemporary Art. Museum of Fine Arts, Richmond VA 2000.

Kiening, Christian: Das andere Selbst. Figuren des Todes an der Schwelle zur Neuzeit. Fink, München 2003.

 

Verwendete Filme:

Ruínas. Regie und Drehbuch: Manuel Mozos. 2009.

Xavier. Regie: Manuel Mozos. Drehbuch: Manuel Mozos, Jorge Silva Melo, Manuela Viegas. 1991/2002.

 

Veröffentlicht am 20.10.2014