Zwischen Gestern und Heute (Diagonale 2016)

Zurück zur Übersicht


Eine Filmkritik von Fiona Hammerl zu Aus dem Nichts, Regie: Angela Summereder, AT 2015

 

 

Wie erzählt man eine Geschichte? Normalerweise würde man am Anfang beginnen und mit dem Ausgang der geschilderten Situation enden. Angela Summereder macht es anders. Den Rahmen ihrer Dokumentation bildet Filmmaterial der 1920er Jahre. Danach erzählen Zeitzeugen wie sie die Ereignisse damals erlebt haben, als Carl Schappeller ihre Eltern von seiner Idee einer Raumverdichtung, einer Energierevolution, überzeugte. Man schaut zu und fragt sich, worum es eigentlich geht. Die Geschichte wird klarer als die Zeitzeugen sich auf den Weg in die nachgespielte Vergangenheit machen. Ebenen überschneiden sich, dokumentiertes Jetzt, nachgespieltes Damals. Interviews greifen in die nachgespielte Geschichte ein. Zeitzeugen stehen mitten in der Vergangenheit und sehen und erleben anscheinend selbst zum ersten Mal, was damals Geheimnis war.

 

Aber damit begnügt sich der Film nicht. Von einem kleinen Dorf namens Aurolzmünster in Oberösterreich, wo die Vergangenheit von den Kindern der Beteiligten aufgearbeitet wird, spannt der Film den Bogen weiter: Was ist aus den Ideen, den Fantasien der 1920er geworden? Indische, deutsche und kanadische Wissenschaftler kommen zu Wort, sind noch immer von dem Konzept der Raumenergie überzeugt. Ohne dass man es als Zuschauer gleich merkt, schafft der Film, den Sprung von der Fantasie eines Mannes in den 1920ern zu heutiger indischer Forschung, logisch erscheinen zu lassen. Im Nachhinein ist eine Zweiteilung des Films zwar klar sichtbar, aber Verbindungen bestehen trotzdem. Das okkulte Element des Teddybären der Tochter des Wissenschaftlers in Oberösterreich, der anscheinend über Erfolg oder Misserfolg des Projekts entscheidet, wirft Fragen bei den Zuschauern auf, die der Film offen lässt. Eine Horrorfilm-ähnliche Szene rückt die Tochter, die ein Medium zu sein scheint, und den Teddy kurzzeitig in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Am Rande des Films sind die beiden als Element der Nitrofilm-Szenen am Anfang und in den nachgespielten Episoden aber immer wieder sichtbar. Im zweiten Teil ist es ein nebenbei ausgeübtes Ritual eines Wissenschaftlers, das den unerklärlichen Gegenpol zur gezeigten Wissenschaft darstellt, vom Film aber in keinen Zusammenhang mit dem Projekt gebracht wird. Hin und wieder werden noch Bilder des ersten Teiles des Films eingeworfen, um an den Beginn der Geschichte zu erinnern und einen Zusammenhang zu konstruieren, aber das Thema ist jetzt ein anderes. Interviewte erzählen anscheinend nicht mehr von Geschichte, sondern von Fakten. Der Film argumentiert in zwei verschiedenen Zeiten, hin und wieder verwischt er diese zeitliche Grenze jedoch.

 

Angela Summereder wollte, wie sie dem Diagonale-Publikum mitteilte, "über einen regionalen Bezug hinauskommen", eine Verbindung zwischen einem Mikro- und einem Makro-Kosmos schaffen. Und das gelingt ihr. Wie damals Herr Schappeller ein gesamtes Dorf von einer Idee begeistert hat, die anscheinend niemand wirklich verstanden hat und die alle in den Ruin trieb, lässt man sich auch heute von den Erfolgen, Zahlen, Demonstrationen und Erklärungen der Wissenschaftler begeistern. Wieder entsteht eine Euphorie, zwischen dem filmischen Spektakel und der Dokumentation, die der oberösterreichicschen ähnlich ist. Nicht nur der Film selbst ist in zwei Teile geteilt, sondern auch die Botschaft die er vermittelt hat zwei Seiten. Kann man dazwischen noch etwas anderes herauslesen? Ton und Bild beeindrucken, obwohl wir doch auch nur Wissenschaftler sehen, die an Rädchen drehen und uns dann begeistert Zahlen und Prozente präsentieren. Eine kleine Nachbildung einer Maschine, die Schappellers Gedanken weiterführt, scheint, trotzdem sich der vorführende Physiker selbst kurz damit elektrisiert, Beweis genug zu sein. Lassen wir uns wieder auf eine schöne Fantasie ein? Oder können wir den so beeindruckend klingenden physikalischen Errungenschaften trauen, die anscheinend aus dem Nichts etwas erschaffen können?