Wow… (Diagonale 2013)

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Eine Filmkritik von Dorothée Schinkel zu I Was A Teenage Zabbadoing, Regie: Carl "Caro B." Andersen, AT 1988.

 

Recht sprachlos sitzt man nach diesem Film in seinem Kinosessel, fühlt sich überwältigt, verwirrt, verstört, erregt und auch wieder nicht, von Schönheit berührt und gleichzeitig von Ekel geschüttelt. Zwiespältige Ästhetik ist wohl die zentralste Beschreibung, die einem in den Sinn kommt wenn man diese Filmbilder betrachtet. Einerseits wirkt das Dargebotene auf merkwürdige Art schön, andererseits ist es alles andere als das und es fallen einem Worte wie widerlich, abstoßend und pervers ein. Man fühlt sich extrem unwohl, sprachlos und möchte am liebsten gleich wieder vergessen, was man eben zu Gesicht bekommen hat, doch das gestaltet sich nicht so einfach…

 

Der Film handelt von vergiftetem Olivenöl, das bei Verzehr aus den Konsumenten blut- und sexsüchtige Vampire macht, die sich auf alle anderen Menschen stürzen, sie zu sexuellem Kontakt nötigen und sie verletzen. Krank wäre hier eine scheinbar treffende Bezeichnung, um diese Idee zu würdigen, doch obwohl es nahe liegt, das Geschehen als krank zu beschreiben, tut man es nicht. Zu beeindruckend ist dieses Werk in seinen absurden Ideen, seiner Langatmigkeit, Lächerlichkeit, Tabulosigkeit und Eindringlichkeit in der Darstellung der männlichen und weiblichen Geschlechtsteile.

 

Ausreizen wäre der nächste Begriff, der sich im Kopf festsetzt. Jede Einstellung wird bis ins Unerträgliche hingezogen und man beginnt sich zu winden, weil es irgendwann auch reicht, doch genau dieses Hinziehen macht die Brillanz des Filmes einfach aus. Wie weit kann man gehen, ohne die Grenzen so weit hinter sich zu lassen, dass sie tatsächlich verschwimmen oder gar verschwinden? Ziemlich weit, wie man hier gesehen hat! Keiner will hinsehen, doch jeder muss, auch wenn er es später nicht zugeben will und lieber kritisch kopfschüttelnd in seinem Kinosessel sitzt oder ein Fan des Filmemachers ist und begeistert applaudiert, nachdem der Film zu Ende ist. Was hier produziert wurde, ist erschreckend und faszinierend zugleich. Man kann es kaum in Worte fassen, so schockiert ist man auf der einen Seite und doch auch beeindruckt über so viel Mut auf der anderen Seite.

 

Kurz hat man den Eindruck, man müsste aufstehen, schreien, sich dieser Flut an nackter Haut entziehen oder ebenfalls die Kleider vom Leib reißen, doch nichts dergleichen tut man. Man erträgt, genießt, hält aus und lässt seine eigene Phantasie schweifen.

 

Der im Nachhinein aufgenommene Ton lässt die Bilder für sich allein wirken und entwertet bzw. unterstützt teilweise ihre Intentionen. Einerseits bewirken die Stimmen Lächerlichkeit und Parodie und andererseits ist es besonders die Musik, die einem im Gedächtnis bleibt und zusammen mit den Bildern eine perfekte visuelle und auditive Komposition ergibt. Die Band Modell D´oo, die hauptsächlich für die Filmmusik zuständig war, erzeugt eine Energie im Film, die sich als eine Mischung aus Joy-Division, freakigem Pop und leichten Elektro- Klängen am besten beschreiben lässt.

 

Der Filmemacher hat sich zur Aufgabe gemacht "mehr Blut, Sex und Gewalt ins Kino zu bringen", so seine Anhänger im anschließenden Gespräch über den Film. Dieses Vorhaben hat Carl "Caro B." Andersen mehr als erfüllt und besonders der Sex kommt nicht zu kurz. Mein Sitznachbar im Kino, sagte nach dem Vorfilm, What´s So Dirty About, ein Remix aus I Was A Teenage Zabbadoing, mehr im Scherz zu mir: "Ging´s da jetzt um Sex?" und ich meinte nur: "Ich glaube nicht, das haben wir bestimmt falsch verstanden." Ich will im Nachhinein gar nicht wissen, was er sich nach dem Hauptfilm dachte…

 

Aber ganz im Ernst: Es ging um Sex und das nicht zu knapp! Eine Revolution im Kino, endlich wird nichts mehr versteckt, konservativ und verschlafen war gestern, heute zeigt uns das "Institut Schamlos" (das es im nächsten Jahr hoffentlich tatsächlich gibt, wie es sich Markus Keuschnigg im diesjährigen Diagonal- Katalog wünscht), was seit den 80er Jahren eher im Untergrund geblieben ist. Es wird tief im Kino- Fundus Österreichs gegraben und zum Vorschein kommen derartige "Meisterwerke". Carl "Caro B." Andersen, der 2012 in seiner Berliner Wohnung starb und sein Leben lang um Anerkennung für seine Filme gekämpft hat, hätte sich mit Sicherheit über diesen Kino- Abend auf der Diagonale gefreut. Und besonders die heitere, freie, entspannte und pulsierende Atmosphäre, die schon vor den Filmen im Saal zu spüren war, hätte ihm vielleicht endlich die Anerkennung gegeben, nach der er sich so lang gesehnt hat…

 

Er war ein interessanter Filmemacher, der trotz finanziellem und persönlichem Druck mit Leidenschaft Filme machte und versuchte eine neue Sichtweise ins Kino zu bringen. Diese sollte sich vom Kommerz, Mainstream und konservativem Schwermut ablösen und die Kunst des Films und seiner Möglichkeiten wieder ins Zentrum rücken, welche angelehnt an Trash, Pop und Rock das schrille Lebensgefühl der 70er/80er Jahre wiederspiegeln sollte. Das ist ihm in der Tat gelungen! Ein Film, der ambivalenter nicht sein kann und über den man sicher ewig diskutieren könnte, da man ihn weder als gut noch als schlecht und schon gar nicht als durchschnittlich beschreiben kann. Unglaublich ist wohl das einzige Wort, was dem Zuschauer mit Sicherheit einfällt, wenn er über den Film nachdenkt.

 

Eine Explosion von schönen und verstörenden Eindrücken, die den Ruf nach Freiheit und sexueller Gleichberechtigung, aber auch Kritik an der im Spießertum gefangenen Gesellschaft dem Zuschauer entgegenschleudert und ihn in eine blutige, nackte und mit einem Wort: verrückte Traumwelt entführt. Normal ist dabei sicher nichts, doch wer mag schon normal? Also Danke "Institut Schamlos", für diesen Gesprächs- und Nachdenkstoff!