"Wir wären gerne das nächste Bangkok oder Singapur" (Diagonale 2013)

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Eine Filmkritik von Nina Dillenz zu Jakarta Disorder, Regie: Ascan Breuer, AT 2012.

 

Bangkok oder auch Singapur werden als leuchtende Vorbilder von in der Megacity Jakarta tätigen Städteplanern genannt. Überall entstehen neue, immer luxuriösere Wohnparks. Was dabei vergessen wird sind Jakartas Slums, sogenannte "Kampungs", die immerhin ein Viertel der Bevölkerung beheimaten und nun den neuen Wohnkomplexen weichen sollen. Mittel zum Zweck sind Zwangsräumungen, die oft mit Gewalt seitens der Behörden einhergehen und die Bewohner der Kampungs ohne Anspruch auf Ersatz praktisch obdachlos zurücklassen. In die neuen Siedlungen zu ziehen, die um die 300 USD im Monat kosten und die oft erst konzipiert werden, kann sich niemand leisten.

 

Ascan Breuer und sein Team begleiten die Frauenrechtlerin Wardah Hafidz und eine Gruppe an selbst in den Kampungs lebenden AktivistInnen, unter ihnen "Oma Dela", bei ihrem Kampf darum, ihren Anliegen in der noch jungen Demokratie eine Stimme zu verleihen und vor dem Hintergrund des nahenden Wahlkampfes (die zweite Präsidentschaftswahl Indonesiens steht zum Drehzeitpunkt bevor) auch endlich gehört zu werden. In einer farbenprächtigen Reise wird der lange Weg zur Selbstorganisation und Repäsentation einer unterdrückten und gerne vergessenen Bevölkerungsschicht geschildert. Breuer zeigte sich fasziniert von der Stärke der beiden wortführenden Frauen, die mit Ausnahme von Wardah Hafidz gänzlich ohne Schulbildung aufwuchsen und trotzdem den charismatischen (und wortgewandten) Mittelpunkt des Films bilden. Was früher oder später auffällt ist der bewusste Verzicht, den krassen Kontrast zwischen arm und reich abzubilden. Den verschwenderischen Luxus wiederzugeben, in dem Jakartas Oberschicht lebt, war eine Idee, die während der Produktion zwar aufkam, auf die Breuer aber, wie er selbst sagt, gezielt verzichten wollte. Protagonist und Thema in Jakarta Disorder ist der familiär wirkende Verband der Kampung - Bewohner, der langsam auf einen gemeinsamen Konsens kommt und mit Hilfe von Wardahs Organisation "Urban Poor Consortiums" beginnt gegen die Ignoranz seitens der indonesischen Bürokratie vorzugehen.

 

Zwischen den ästhetischen Bildern dieser bunten Welt ist man versucht ihre Realität zu vergessen, gerade unter dem Aspekt eines typisch europäischen Kulturimperialismus. Doch der Regisseur thematisiert diese Problematik bereits in der Eingangsszene mit einer gewissen Selbstironie, als ein Wasserträger in die Kamera fragt, was er denn davon habe, wenn sie in Europa einen Film über seine Armut zeigen – man solle ihm lieber Geld geben. Hier wird eine Geschichte erzählt, die teilweise eine sehr idealisierte Version der Gesamtsituation in den Slums wiedergibt und über weite Strecken durch die Konzentration auf die kleine, eingeschworene Gruppe fast zu idyllisch wirkt. Nichts desto Trotz bleibt die Aussage dieselbe, genau wie der Eindruck, dass man sich als Zuseher durchaus gerne von den sympathischen Protagonisten mitreißen lässt.

 

Dass es angeblich an Budget gemangelt habe, trägt nicht weiter störend zum Endprodukt bei, deren omnipräsente Nebendarstellerin Jakarta sich als dankbares Filmmotiv erweist. Jakarta Disorder ist ein emotionales und bewegendes Portrait zweier Kämpferinnen, das immer wieder von ästhetischen Impressionen und musikalischen Elementen aufgelockert, aber deshalb nicht weinger akkurat in seinem dokumentarischen Bestreben wird. Die Ausdehnung der großen asiatischen Metropolen und die damit einhergehenden sozialen Missstände sind ein Thema, das aktueller nicht sein könnte, auch wenn das im Grazer Schubertkino kaum fühlbar ist.