Wien: Dystopie einer Großstadt (Diagonale 2014)

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Eine Filmkritik von Sophie Eidenberger zu Eine Fuge, Regie: Jörg Ortner, AT 1959.

 

Eine musikalische Fuge zeichnet sich durch ihre Komplexität und die häufige Variation eines Themas aus. Umgelegt auf Film bedeutet das bei Jörg Ortner: Mehrere Aufnahmen von Wiener Umgebungen, wie etwa die Karlsplatzpassage und deren U-Bahn-Rolltreppen, werden im Verlauf des Films wiederholt, in verschiedene bildliche Kontexte gesetzt und positiv wie negativ variiert. Der entstehende Effekt ist häufig unheimlich; eine dunkle Masse, die sich durch die bedrohlich strahlende Rotunde schiebt, dem Zuseher entgegen. Mit seinen Negativbildern kehrt Ortner auch die negative Seite der Stadt heraus, und dekonstruiert damit jegliche Heimatmelancholie, die im selben Programm Hanns Matulas Unser Wien überbordend herauskehrt.  

Gefangen in Ortners von  kakophonischen Klängen untermalten Wiendystopie, sucht der Zuseher nach Ausbruchsmöglichkeiten aus diesem Albtraum.

Eine alte Frau fährt die Rolltreppe hinunter. In der nächsten Einstellung blickt uns die Frau mit strahlenden Augen und Zähnen entgegen. Der Alltag bekommt etwas Diabolisches.

Ein schreiendes Gesicht, inmitten der Massen. Im wie auch vor dem Film versucht man ihm zu entkommen.

 

Ein zu Unrecht lange vernachlässigter Beitrag zu Österreichs Avantgardefilmschaffen in dessen Hochblüte, den das Österreichische Filmmuseum hier zum Vorschein bringt. Ähnlich wie in p.r.a.t.e.r. (1963-66) von Ernst Schmidt jr. stellt Eine Fuge den anderen Blick auf die Stadt zur Schau, einen höchst subjektiven Blick inmitten der anonymisierten Masse.

Ortner kreiert hier eine Fuge innerhalb der Wiener Gesellschaft, die das Gute und das Böse voneinander trennt und doch unteilbar miteinander vereint.