Wie das Kleine groß wird und das Wenige zum Vielen (Diagonale 2014)

Zurück zur Übersicht

 

Eine Filmkritik von Lena Franz zu Tibetische Erinnerungen, Regie: Manfred Neuwirth, AT/Tibet 1988-1995.

 

Manfred Neuwirth muss wohl viele Jahre in Tibet verbracht haben. Was er filmisch nun mit uns teilt, sind seine Erinnerungen aus ebendieser Zeit; verlangsamte Bildfetzen, die scheinbar nur eine einzige Gemeinsamkeit aufweisen: Neuwirths Erinnerungen an seinen Streifzug durch Tibet in den Jahren von 1988 bis 1995.

 

Es sind kurze Ausschnitte, die sich durch ihre geruhsame Bewegung auszeichnen. Neuwirths Entscheidung, die Bilder in slow-motion zu zeigen, führt dazu, dass sich ebendiese intensivieren und dem Gezeigten eine größere Aufmerksamkeit zuteilwird. Das Wenige wird zum Vielen. Durch Dehnungen des Augenblicks, Verlangsamungen oder Stillstellungen, sparsames Reduzieren überbordender Information, wird den Dingen eine privilegierte Position zugesprochen. Durch eine Verlangsamung der Filmbilder und den weitgehenden Verzicht auf Sprache tritt nun die Wahrnehmung der körperlichen Dimension in den Vordergrund.

 

Zu sehen ist die statueske Zeitlosigkeit eines gegenwärtig unendlichen Augenblicks und man hat das Gefühl, in Neuwirths stillstehenden, materiellen Bildern breche die Zeit auf. Das filmische Material tritt in eine besondere Beziehung zur Dauer. Die ästhetische lange Weile schärft die Wahrnehmung für kleinste Veränderungen. Der Film entfaltet seine dramatische Kraft dadurch, dass über seine gesamte Länge scheinbar nichts geschieht und unsere Wahrnehmung wird dadurch herausgefordert, dass wir die Option haben, einer Unzahl von Dingen die Aufmerksamkeit zu schenken oder zu verweigern. Diese Kunst der Reduktion ist ein schwieriges Unterfangen, denn entweder erweist sich das Endprodukt als fad und langweilig oder es überzeugt durch seine Schlichtheit und Abgeschlossenheit.