Wenn eine innere Reise äußerlich wird (Diagonale 2013)

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Eine Filmkritik von Iris Singer zu Perfect Garden, Regie: Mara Mattuschka und Chris Haring, AT 2013.

 

Gibt es ein Paradies? Kommen wir aus dem Paradies oder endet das irdische Leben mit dem Einlass in den Garten Eden? Verwenden wir das Leben, um nach dem Paradies zu suchen? Mara Mattuschka gibt auf diese Fragen zwar auch keine Antworten, erschafft aber durch ihre ästhetische Inszenierung paradiesische Bilder.

 

Die Filmemacherin beweist mit ihrem neuen Werk Perfect Garden wieder einmal ihre Schwäche für psychedelisch mysteriöse Welten und stellt sich der Suche nach dem Paradies, dem Perfekt Garden. Gefunden hat sie diesen in einem Straßenradbordell am Stadtrand von Wien. Klingt skurril? Ist es auch. "Ich muss sie warnen, dieser Film ist wie eine Droge" leitete die Regisseurin ihr Filmprojekt bei der Diagonale ein. Ein filmischer, gesundheitlich unbedenklicher Rausch? Gespannt auf diesen saß man im Grazer Schubertkino und schon nach den ersten Minuten hatte man verstanden, was die warnenden Worte der Regisseurin zu bedeuten hatten.

 

Mara Mattuschka legt in ihren Filmen wenig Wert auf eine durchgehende Narration, ihre Ebene der Vermittlung ist die körperliche. Sie lässt die dabei entstehenden Bilder zum Zuschauer sprechen. Die Protagonisten verkörpern alle das Leben in einer ganz eigenen Welt, ähnlich wie man sich vielleicht in einem Drogenrausch fühlt, agieren, philosophieren und tanzen die Bewohner und Besucher des Perfekt Garden miteinander oder auch nur für sich. Jeder auf einer anderen Reise, zu sich, zum Inneren, die Geburt noch einmal durchlebend, den langen Weg noch einmal gehend. Eine der prägnantesten Szenen ist die, in der eine Bewohnerin des Perfect Gardens noch einmal ihre Geburt erlebt. Bild und Tonebene verschieben sich: zu sehen ist eine erwachsene, spärlich bekleidete Frau, zu hören das unter die Haut gehende Weinen eines Babys. Bilder, welche zutiefst berühren und sich im Gedächtnis verankern. Bilder die Mattuschka Kameramann Sepp Nemeth gewohnt souverän umsetzt.

 

Teilweise ohne sich körperlich zu berühren, nur durch Andeutungen eines Körperkontaktes herrscht im Perfekt Garten eine vertraute, gespannte und vor allem erotische Atmosphäre. Hier bewährt sich die neuerliche Zusammenarbeit mit Chris Haring und seiner Performancegruppe Liquid Loft, die ihre Körper und Körperlichkeit grandios inszenieren. In diese Welt(en) hinein platzt ein dubioser Mafiaboss mit der Absicht Schutzgeld zu erpressen. Doch auch er wird hingezogen in die Tiefen des Perfect Gardens, auch er taucht ein in eine andere Welt, auch er tritt seine ganz persönliche Reise an.

 

Mattuschka ist eine Ästhetin mit einem präzisen Auge für Details, welches auf ihr ursprüngliches Genre, die Malerei, zurückzuführen ist. In einem Interview mit dem Standard Journalisten Dominik Kamalzadeh beschreibt sie den Einfluss, den die Malerei auf ihre Filme hat mit dem Erlernen von Großzügigkeit: "Wie man mit relativ einfachen Mitteln etwas Sublimes erreichen konnte." Dies ist Mara Mattuschka mit Perfekt Garden wieder einmal hervorragend gelungen, zusammen mit Chris Haring schuf sie ein ausgebrochen sensibles, einfühlsames Werk, das Lust auf andere Welten macht.