Weil im Fernsehen immer alles so echt ist... (Diagonale 2012)

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Eine Filmkritik von Felicitas Turek zu Testament, Regie: Ferry Radax, AT 1967/68.

 

Schnell und ironisch, sarkastisch und raffiniert, aber an sich doch ganz simple: Österreich wird wieder einmal von einem Diktator beherrscht. Als ob die Welt in Ordnung wäre, leitet uns ein paränetischer Text, wie aus der Bibel oder einem Parteipamphlet entnommen, in die Ideologie des herrschenden Energieministers ein. Dieser betont, warum wir als Menschen verpflichtet seien unsere natürlichen Ressourcen bis auf das Letzte auszuschöpfen bzw. auszunehmen. Literaten, Journalisten, Intellektuelle, ja eigentlich alle halbwegs Gebildeten sind da natürlich gar nicht mehr erwünscht. Und die immer weniger werdenden Aufbegehrenden und Widerständischen, die sich an geheimen Orten treffen, sind auch alsbald dahin. Nur am Land findet sich noch soetwas wie eine scheinbar heile Welt; abgeschnitten von der furchtbaren Realität und unberührt von allem Greuel des vernichtenden Bürgerkrieges, zumindest für einige Zeit. Und wer will denn schon Krieg?

 

1967 produzierte Ferry Radax seinen Experimental-Spielfilm Testament, der sich als eine wilde Mischung aus Pop, Fiction, Western, Action und Satire versteht. Mit diversen Farbfiltern versehen, wechseln die Szenarien in schnellen Schnitten, erzählen uns die dystopische Geschichte einer Revolution, eines kostspieligen Bürgerkriegs, einer ignoranten politikverdrossenen Jugend sowie eines Agenten, der sich gegen die Frauenbrigade des Diktators durchzuschlagen versucht. Skurrile Situationen, lakonische Kommentare und ironische Sprüche, die bei der ersten Sichtung leicht durch das Erstaunen über das zu Sehende und die Flut an Informationen untergehen.

 

Radax in seinem Element. Hier, in Testament,ist alles an filmischen Stilmitteln enthalten, die für einen der ersten österreichischen Avantgarde-Filmemacher und Wegbereiter so typisch wie repräsentativ geworden sind. Tricktechniken aller Art, Filmzitate, Textinserts sowie Audio-Ein- als auch Anspielungen, alles geht sich in Radax' wilder Komposition von Ton und Bild aus. Ob nun Wienerlieder hie und da die Szenarien untermalen oder james-bondeske Klänge aufkommen: die Kunst dieses Werkes besteht doch darin – wie es auch Tscherkassky ausgedrückt hat – eine Tonlandschaft zu entfalten, die nicht im Dienst eines Abbildrealismus steht, "sondern bei der Bedeutungskonstruktion als gleichwertiger Dialogpartner des Bilds existiert".

 

Die Rezeptivität des Rezipienten wird jedenfalls gefordert, und so genießt ein mancher diese Schau, ein anderer leidet vielleicht darunter, steigt verzweifelt wie erbost mit den Worten "Des hoit i net aus!" aus und verlässt den Kinosaal. Interpretationsebenen, beispielsweise über die Darstellung der Frauen gerade zu jener Zeit oder über politische Konstellationen und das Verhältnis dieser zur Kirche, ließen neue wie altbekannte Diskurse eröffnen. Wenn Wien um sein bestes Stück und Wahrzeichen, den Stephansdom, beschnitten wird, könnte man eine Metapher ebenso wie eine Metonymie indizieren. Und da kommen wir zum Kern dieser Kunst, die Ferry Radax so gern zu praktizieren versucht.