Was ist hier in Stein gemeißelt? (Diagonale 2014)

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Eine Filmkritik von Nina Holzbauer zu WOSSEA MTOTOM - Die Wiese ist grün im Garten von Wiltz, Regie: Manfred Neuwirth, AT/LU 1983-84.

 

Man sieht einen in Stein gemeißelten Menschen, ein Relief, das langsam und ausgiebig visuell erforscht wird während auf der Tonebene bereits ganz viel von Personen erzählt wird, die noch zu sehen sein werden. Die Erzählung beginnt nicht mit einer Off-Stimme, wie man es erwarten würde, sondern mitten im Geschehen – das man nicht sieht. Danach wird das leere Wohnhaus mit der Kamera gezeigt und wieder arbeitet die Tonebene kontrastierend und befüllt den Raum mit Menschen, die man (noch) nicht sehen kann. Erst sehr spät bekommt man die Protagonisten des Films auch zu Gesicht.

 

Gezeigt wird das Projekt einer Künstlergruppe mit Behinderten das, Mitte der 80er Jahre, in Luxemburg umgesetzt wurde. Dabei wird die Gartenlandschaft im Ort von Behinderten und Künstlern gemeinsam gestaltet. Gemeinsam ist der prägende Begriff für diesen Film. Im Gegensatz zu (2014) aktuellen Kampagnen, die für eine Inklusion Behinderter in die Gesellschaft werben, sich dabei aber ausschließlich auf die Behinderung des Menschen konzentrieren, geht es hier nicht darum die Unterschiede zwischen den Künstlern und Behinderten hervorzuheben, sondern eben diese verschwinden zu lassen. Sehr lange ist man als Zuschauer mit der Unsicherheit konfrontiert eben nicht unterscheiden zu können wer eine Behinderung hat und wer nicht. Es geht aber nicht bloß um Menschen mit Behinderungen, es geht um alles Zwischenmenschliche.

 

Die Gruppe wird in den Verschiedenen Situationen des Projekt-Alltags gezeigt. Man sieht wie Konflikte entstehen und wieder gelöst werden, gemeinsame Aktivitäten durchgeführt werden, gefeiert und gearbeitet wird oder einfach Karten gespielt wird. Die inhaltliche und stilistische Offenheit mit der Neuwirths Film arbeitet erreicht ihren Höhepunkt wenn die Kamera abgegeben und dadurch eine neue Perspektive ermöglicht wird – die Perspektive eines Mannes dessen Sicht auf die Welt einem sonst verborgen bliebe.

 

Es wird eine "political correctness" gezeigt, die nicht von Euphemismen und verklärender Romantik gekennzeichnet ist, sondern zeigt, dass Menschen mit Behinderung einfach Menschen sind, denen in unserer Gesellschaft wenig Platz gemacht wird, weil sie auf ihre Andersartigkeit reduziert werden. Ja, der Film trifft nach 30 Jahren immer noch einen wunden Punkt und hat (leider) nicht an Aktualität verloren, denn die Art wie unsere Gesellschaft Menschen mit Behinderung wahrnimmt, scheint in Stein gemeißelt zu sein, wie der Mensch, den einer der Protagonisten erschaffen hat.