Wald der Experimente, Film der Sinne (Diagonale 2013)

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Eine Filmkritik von Manon Steiner zu FÔRET D'EXPÉRIMENTATION, Regie: Michaela Grill, AT/CA 2012.

 

Die elektronische Musik wird immer lauter, die über den weißen Himmel ziehenden Wolken immer dichter und nach und nach eins mit den starren, schwarzen Ästen bis die Dunkelheit schließlich für einen Moment die ganze Leinwand einnimmt. Plötzlich entsteht vor unseren Augen ein Gemisch aus grün und schwarz, das Bild zittert, ist verschwommen und verwackelt. Die Musik ist laut und unheimlich und erinnert an Tiere in der Nacht; man möchte etwas erkennen, sieht aber nur dunkle Umrisse vor einem eigenartig grünen Licht.

 

So in etwa sehen die ersten paar Minuten von Michaela Grills neuem Film aus, der auf der Diagonale 2013 Premiere hatte. Grills FÔRET D'EXPÉRIMENTATION ist ein Spiel mit Licht und Dunkelheit, mit Farben, Stille und Lauten, mit Realität und Fantasie. Grill arbeitet stets intermedial. Sie ist keine Regisseurin und eigentlich auch keine Filmemacherin, sondern eine Videokünstlerin und Performerin, die sich, wie ihre Videos, nicht in eine Schublade stecken lässt. Mit ihren Werken verkörpert Michaela Grill die revolutionäre Frau und Künstlerin des 21. Jahrhunderts, die sich in der von Männern dominierten Filmwelt nicht unterkriegen lässt.

 

FÔRET D'EXPÉRIMENTATION stellt Extreme dar, zeigt, dass nicht alles auf einer linearen Ebene stattfindet, dass es mehr Zugänge zu einer Sache, einem Thema gibt. Grill selbst verbrachte insgesamt drei Monate in ihrem experimentellen Wald – was sie dort sah und erlebte, verarbeitete sie in dem 22-minütigen Experimentalfilm. Unterschiedliche Szenerien folgen dort schnell wechselnd aufeinander. Mal befinden wir uns in einer mystischen Horrorwelt, wo das laute Surren der Musik an Insekten erinnert und in deren Dickicht sich etwas zu bewegen scheint, dann wieder in einer eigenartigen Feen- und Traumlandschaft aus gleißendem, weißen Licht, das Bäume und Geäst wie einen Schein bedeckt. Der Wald unterliegt ständiger Veränderung und es scheint, als sehe man ihn stets mit anderen Augen. Er lässt viel Raum für Assoziationen und Fantasien, aber auch für Albträume zu. In dem Video wird er zu einer Metapher für Gefühlszustände, für Gedankenwelten, für das Unbewusste.

 

Häufig spielt Grill nur mit Schatten und Silhouetten, mit schwarz und weiß. Von einer Sekunde auf die andere ist die Leinwand dann aber wieder in eine Fülle von leuchtenden Farben getaucht: rot-gelbe Feuerbälle heben sich von einer tiefgrünen Fläche ab und erinnern an Planeten im Weltall. Allmählich wird das Bild klarer: auf einem See spiegeln sich Bäume mit ihren grünen und roten Herbstblättern. Die Musik ist nun nicht mehr unheimlich, sondern vermittelt ein mystisches Gefühl. Für einen Moment kann man die Wirklichkeit erkennen, bevor alles wieder abstrakt, die Musik unruhig und immer schneller erklingt, bis sie schließlich zu einer monotonen Masse wird, während sich die frames rasend schnell, bis zur Unkenntlichkeit, abwechseln. Man bekommt das Gefühl sich in einem Nachtclub zu befinden, in dem einem das stroboskopische Licht die Sinne verwirrt.

 

In seinem Text Michaela Grill. Vibrating Currents, nennt Steve Bates Vibration als Grills Grundelement. Auch der Wald scheint hier förmlich zu zittern, zu rauschen und zu beben. Doch es gibt auch Momente, in denen es ganz still ist, sich nichts mehr bewegt und wir nur ein Bild von einem Wald vor uns haben, das dem Pinsel eines Paul Cézanne entsprungen sein könnte. Gegen Ende werden seine Konturen immer deutlicher, realer bis es sich schließlich leicht auf einer Postkarte wieder finden ließe. So erzeugt Grill einen krassen Kontrast zwischen einer möglichen Wirklichkeit und ihrer Traum-/Albtraumwelt. Der Wald bot ihr dabei ein Portal ins Ungewisse und Unterbewusstsein, in ihr eigenes seelisches Innenleben. Es ist kein Zufall, dass er seit Jahrhunderten als Schauplatz für Sagen und Mythen dient, eine Inspirationsquelle für Malerei, Literatur und Film bietet und tiefe Gefühlsregungen in der menschlichen Psyche hervorrufen kann: mit seinem Spiel aus Farben und Gerüchen, seinen Bewohnern, seinen Sträuchern und hohen Bäumen zwischen denen man sich so leicht verlieren kann, hat der Wald immer etwas Mystisches, etwas Beängstigendes und etwas Schönes, das man nie ganz in Worte fassen kann. Ähnlich ist auch Michaela Grills Film. Indem er die Grenzen medialer Möglichkeiten und kognitiver Fähigkeiten austestet, lässt sich FÔRET D'EXPÉRIMENTATION nicht einfach definieren und vermutlich wird man auch noch bei der zehnten Betrachtung auf etwas Neues stoßen, sei es im Film oder in einem selbst.