Vom Sterben der toten Fische (Diagonale 2012)

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Eine Filmkritik von Maria Rauch zu Die toten Fische, Regie: Michael Synek, AT 1989.

 

Wer auf der Diagonale 2012 Michaels Syneks Werk Die toten Fische, nach der gleichnamigen Geschichte von Boris Vian gesehen hat, kann sich gleichsam als Zeuge/Zeugin eines besonderen cineastischen Erlebnisses bezeichnen. Der zwischen 1986 und 1989 entstandene Film, der bei den Filmfestspielen in Cannes uraufgeführt wurde, schaffte es nie in ein reguläres Kinoprogramm. Da der Film noch aus der Zeit der analogen Technik stammt und nur eine Kopie des Originals, die mit jeder Projektion dem Tod ein Stück näher rückt, existiert, ist ungewiss wie lange dieses Werk für die Nachwelt noch erhalten bleiben wird. Die eventuelle Restaurierung ist zu Syneks Bedauern mit großem zeitlichen und finanziellen Aufwand verbunden. Zwei Filmrisse, die bei der Aufführung auf der Diagonale kurze Pausen einforderten, könnten sogleich als inszenierter Hilfeschrei des morbiden Relikts gedeutet werden.

 

Die beinahe endlos wirkende Einleitungssequenz des Films zeigt den namenlosen Arbeiter (Erwin Leder) bei seiner Werktätigkeit als Fischer in einer Aulandschaft an einem gefährlich anmutenden Gewässer. Jedoch sind es keine Fische, die er mit seinem beschädigten Netz und nahezu sisyphusartiger Quälerei aus dem Wasser holt, sondern Briefmarken, die er an seinen Chef gegen geringe Bezahlung abgibt. Die klare Bildsprache des schwarz-weiß Filmes wird in ihrer Wirkung durch die ausdrucksstarke Geräuschkulisse und der Musik von Michael Portal unterstützt. Jeder mühevolle Schritt, die der ausgezehrte Arbeiter tätigt, gibt den ZuschauerInnen das Gefühl diesen selbst unter schwierigsten Umständen vollziehen zu müssen.

 

Die dramaturgische Wendung, die mit dem Tod des Arbeitgebers durch ein Pfeffermädchen einsetzt, scheint anfangs eine Umkehr der hierarchischen Verhältnisse einzuleiten. Die absurde Diskussion zwischen dem Arbeiter und dem Kontrolleur des öffentlichen Nahverkehrs vermittelt einen Perspektivenwechsel, der sogar eine gewisse Komik in sich birgt. Der Protagonist scheint sich von den Fesseln der Unterdrückung gelöst zu haben und fasst allen Mut zusammen um gegen seinen Chef zu revoltieren. Die Intention gegen die permanente Unterdrückung zu kämpfen, scheint ihm die dafür notwendige Energie zu geben. Doch auch dieses Bestreben wird im Keim erstickt, indem sein ehemaliger Arbeitgeber dem Gepeinigten sogar nach dessen Tod, beziehungsweise aufgrund seines Todes, die Möglichkeit entzieht sich zu wehren. Dies zerstört den leidtragenden Arbeiter schließlich zur Gänze.

 

Die hierarchischen Strukturen und die Ausbeutung der Arbeiter werden in diesem Film trotz Abstraktion und surrealistischer Darstellung so deutlich gezeigt, dass er zwar an vereinzelten Stellen eventuelle Fragen und einen interpretatorischen Freiraum offen lässt, jedoch in seiner Aussage einen äußerst klaren und nachvollziehbaren Eindruck vermittelt. Ein Werk, dessen Inhalt auch nach über zwanzig Jahren nicht an Aktualität verloren hat.