Verdammt zur ewigen Wiederkehr (Diagonale 2013)

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Eine Filmkritik von Sandra Ladwig zu A Messenger from the Shadows (Notes on Film 06 A/Monologue 01), Regie: Norbert Pfaffenbichler, AT 2012.

 

Ein Schatten rekurriert in der Regel auf das ihm zugrunde liegende Wesenhafte, doch der Anfang von Pfaffenbichlers Film spricht filmischen Attributen in ihrer Funktion des Hinausweisens eine eigenständige Rolle zu. Die spielerische und an die Dramaturgie von Horrorfilmen angelehnte Montage von Vorhängen, Türen und Händen, die aus diesen herauskriechen, sie öffnen und schließen, bleibt dem Schemenhaften und Gesichtslosen treu bis Lon Chaney – "The Man of a Thousand Faces" – zum ambivalenten Kampf mit und gegen sich selbst antritt. Mimische Transformation liiert sich mit einer grauenerregenden Maskengestaltung, die sich sowohl durch eine weniger intentionale Aneinanderreihung als auch in ihrer kausalen Reaktion zu- und aufeinander dem Fremden im Eigenen versichern. Mittels der Zwischentitel von den erhaltenen Filmen mit Lon Chaney werden Szenen montiert, die über Wahnsinn, (narzisstische) Liebe als Destruktion und die nicht nur aus dieser Tatsache folgende Einsamkeit und Verbitterung über die eigene Existenz verhandeln: Der verunmöglichte Tod hallt als ewige Wiederkehr nach.

 

Doch scheint Lon Chaney in Pfaffenbichlers Found Footage-Arbeit weniger als überhöhter Held der Filmgeschichte wieder aufzublühen als dass vielmehr, mit Rückgriff auf das etablierte Erzählkino der 1920er Jahre, ein erinnernder – und fragmentierter – Blick auf Filmgeschichte geworfen wird. Die schwankende Qualität des filmischen Ausgangsmaterials verweigert sich einer historisierenden Musealisierung oder konservierenden Festschreibung und schafft den Subtext einer Gegenwärtigkeit von Vergänglichkeit, die mit der narrativen Ebene korrespondiert. Die Montage von Szenen des heimlichen Beobachters vor dem Haus verweist im (Re-)Arrangement der filmografischen Vergangenheit Chaneys darüber hinaus auf das Kino als Ort der Möglichkeit über die Wirklichkeit und ihren Verlauf zu reflektieren. Ähnlich einem gespiegelten Blick legt die Beobachtung des Beobachters bei den ZuschauerInnen ein potentielles Bewusstsein für Film in seiner artifiziellen und vermittelnden Konstruktion frei und evoziert eine Distanz zum Gesehenen.

 

Die Verdichtung von den noch erhaltenen Arbeiten mit Lon Chaney enthält zum einen Aspekte einer Hommage – an den Schauspieler wie an das Kino selbst – ebenso wie die Dekontextualisierung von Fragmenten den Anspruch auf Vollständigkeit und Abgeschlossenheit von historischen Artefakten hinterfragt. Anderseits scheint der Rückgriff auf gefundenes Material die Forderung nach geniehaftem Schaffen von KünstlerInnen in Hinsicht eines Noch-Nie-Dagewesenen zu negieren; im Bezug zueinander verschränkt sich kanonisierte Filmgeschichte mit dem gegenwärtigen und persönlichen Zugang. Kontrapunktisch gesetzt wirkt die von Bernhard Lang eingeflochtene akustische Ebene der Stummfilmaufnahmen insbesondere in der enigmatischen Textpassage, die Dialoge konstruiert, ohne ihre RednerInnen kenntlich zu machen.

 

Die Botschaft aus dem Reich des Unheimlichen scheint nebulös artikuliert: Nicht wir versetzen uns in die Vergangenheit um sie nostalgisch zu verklären, sondern das Verhältnis von Gegenwärtigem und Vergangenem korrespondiert in dieser inkonsistenten Form zu einem gewissen Grad mit unserer eigenen Erfahrung.