Und plötzlich erscheint alles in einem anderen Licht... (Diagonale 2012)

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Eine Filmkritik von Annamaria Rohner zu Sonne Halt!, Regie: Ferry Radax, AT 1959-62.

 

Sonne Halt! ist eine Bild- und Toncollage. Der Bruch ist ein immer wiederkehrendes, konstituierendes Merkmal dieses Films. Er verhindert, dass sich Fragmente fixieren lassen und zu einer ganzen und abgeschlossenen Narration werden. Der menschliche Sinnfindungstrieb wird ad absurdum geführt.

 

Licht ist sowohl auf sprachlicher als auch bildlicher Ebene das Leitmotiv des Films: So fungiert die Sonne als Leitsymbol. Sie tritt in allen erdenklichen Materialitäten in Erscheinung, wie zum Beispiel als Ball, Kugel oder Glühbirne. Sprachlich wird dieses Leitmotiv durch den Satz "Und plötzlich erscheint alles in einem anderen Licht" formuliert. Auf der bildlichen Eben vollzieht sich diese Veränderung der Lichtverhältnisse dann, wenn die falsche Kugel – nämlich der Mond – aufgeht. Negativschnipsel werden dann in einer schnellen Schnittfolge aneinandergereiht, was eine sehr düstere Stimmung erzeugt.

 

Auch wenn die Sonne abgeschossen wird, erscheint plötzlich alles in einem anderen Licht. Solarisiertes Filmmaterial bewirkt eine magische Stimmung. Ein absurdes Zitat aus Konrad Bayers Roman Der sechste Sinn leitet in eine exotische Atmosphäre ein: "Zuerst fielen einzelne Regentropfen. Der Regen wurde immer dichter. Dann fiel das Wasser als ein Ganzes auf die Straße. Tobi Hals stellt eine Frage: Ob wir unter einem Fluss wohnen?" Die Aufnahmen zeigen einen Mann der durch einen paradiesisch anmutenden Wald geht. Eine junge Frau spielt mit einem Ball und wirft ihn an die Wand. Er fällt auf den Boden, der junge Mann will ihn aufheben. Nun halten beide den Ball bzw. die Sonne in ihren Händen. Billie Holiday meint dazu nur: "I would gladly give the sun to you if the sun were only mine."

 

Wo befindet man sich hier? Im Traum? In einem anderen Leben? Auf einem anderen Planeten? In einem anderen Medium? Dieses Gefühl der Transzendenz wird durch das solarisierte Filmmaterial erzeugt, welches optisch an Kupferstiche erinnert. Einer Arbeitsweise, die einer anderen Zeit angehört und mit anderen Materialen arbeitet. Durch die optische Ähnlichkeit wird hier nicht nur ein Wechsel in ein anderes Medium, sondern auch in eine andere Zeit angedeutet. Ein Wechsel in einen neuen Zustand also!

 

Mit rational-analytischem Denken kommt man in diesem Film nicht allzu weit. Denn der Rezeption von Sonne halt! wohnt dieselbe unentwirrbare Faszination inne, die Kafkas Werken zu ihrer zeitlosen Anziehungskraft verhalf. Über dieses kafkaeske Moment hinaus, zeichnet sich der Film durch eine absurde Komik und magische Atmosphäre aus. Solarisiertes Filmmaterial und die Verwendung von Negativen erzeugen eine dramatische etwas verklärte Stimmung, die durch Animations-Effekte – Einritzungen im Filmmaterial – aufgebrochen wird. Die für Radax signifikante Montage und Tonkomposition tun ihr Übriges. Eine komprimierte Synthese dieser Kunstgriffe und eine Narration, die man erahnen aber nie gänzlich verstehen kann, machen diesen Film zu reiner Poesie.