Tibet Revisited – Zwiespalt der Sehgewohnheit (Diagonale 2014)

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Eine Filmkritik von Jannik Rakusa zu Tibet Revisited, Regie: Manfred Neuwirth, AT 2005.

 

Die Kamera ist starr, direkt an einem Trampolin installiert. Kinder springen auf und ab, verschwinden immer wieder aus dem Bildausschnitt und kehren wieder zurück. Die Einstellung wechselt und wechselt nicht. Wie ein stiller Beobachter kommt man sich vor, gezwungen den immer gleichen Bildausschnitt zu betrachten. Ein unangenehmes Gefühl stellt sich ein. Gefangen im Kinosaal. Wie ein Voyeur kommt man sich vor. Noch unangenehmer wird es, als die Kinder auf die Kamera reagieren. Man ist kein stiller Beobachter mehr, kann jedoch weder wegschauen, noch Kontakt aufnehmen. Wird das 80 Minuten lang noch so weitergehen? Wird es. Allerdings nicht ohne die Wirkung auf den Zuschauer beständig zu wechseln.

 

Es sind genau 28 Einstellungen à 3 Minuten, die Manfred Neuwirth für seinen Film Tibet Revisited verwendet hat. Die Kamera zeichnet dabei immer starr das Geschehen auf. Ob Männer beim Würfelspielen, Menschen auf der Rollschuhbahn, ein rauschender Fluss, ein mahlender Mühlstein, betende Gläubige, oder einfach eine regnerische Nacht, in der man das so gut wie nicht sichtbar stattfindende Leben in einem Wohnhaus durch ein Fenster beobachten kann.

 

Manfred Neuwirth verlangt seinen Zuschauern mit diesem Film einiges ab. Zunächst einmal die komplette Entschleunigung, die dieses Werk mit sich bringt. 3 Minuten lang die gleiche Einstellung betrachten, ohne dass sich innerhalb des Bildes viel verändert, ist anstrengend. Und doch verfehlt es nicht seine Wirkung, denn mit der Zeit kann man sich immer besser darauf einstellen. Den Versuchen ein Bild ad hoc zu scannen, weicht ein ruhigeres betrachten, und präziseres lesen. Es wird einem ein kleiner privater Blick auf Tibet geboten, um nicht zu sagen ein äußerst dokumentarischer. Denn die Bilder, und die dazu synchron aufgezeichneten Audioaufnahmen, stehen allesamt für sich selbst. Es ist das reine "da sein", das diesen Film von so vielen anderen Dokumentarfilmen unterscheidet. Kritisch könnte man anmerken, dass der Zuschauer mit dem Gezeigten völlig allein gelassen wird. Nicht einmal die wenigen Bilderwechsel beziehen sich aufeinander, abgesehen davon, dass sie allesamt in Tibet gedreht wurden. Doch genau darin liegt die Stärke dieses Films. Der Zuschauer ist gezwungen sich mit dem Thema auseinander zu setzen, sich seine eigenen Gedanken zu machen, selbst im Nachhinein zu recherchieren. Er bekommt nicht einfach etwas vorgekaut, womit er danach bedient ist, indem er einfach die Meinung des Autors übernimmt.

 

Auf den ersten Blick scheint Tibet Revisited zu enttäuschen, auf den zweiten begeistert und beeindruckt er. Denn über das Gesehene hinaus fordert er den mündigen Zuschauer, gibt Anstoß seine Sehgewohnheiten zu überdenken und zu intensivieren.