Schwerpunkt: Vlado Kristl

 

Unsere Projekte zum Werk Vlado Kristls (1923 – 2004) zielen darauf ab, die Arbeit eines Künstlers in Erinnerung zu rufen, der sich sein Leben lang gegenüber den Konjunkturen des Kulturbetriebs abstinent verhielt und der länger als ein halbes Jahrhundert konsequent die Position des Außenseiters für sich reklamierte. In Zagreb geboren und im 2. Weltkrieg als Partisan aktiv, avancierte Vlado Kristl schnell zum agent provocateur, zunächst als bildender Künstler und Animationsfilmer in Titos Kulturbürokratie; dann (nachdem er dort 1962 in Ungnade gefallen war) in der BRD, wo er im Umfeld der Münchner Schule des Jungen Deutschen Films den Status einer künstlerischen Ich-AG behauptete. Gleich, ob als Maler oder Zeichner, Schriftsteller oder Filmemacher, Kristl war ein Einzelner und in diesem Sinne Autor, einer, der sich nur auf sich und seine Erfahrung verließ und dem jede Form interessenspolitischer Gruppenbildung zutiefst suspekt war. Kompromisse gegenüber dem Kunstmarkt lehnte er ab. Lieber setzte er die Preise seiner Bilder derart hoch an, dass sie keine Käufer fanden, und gestaltete seine Filme im Setting einer radikalen Antidramaturgie, die allenfalls auf Festivals und bei einigen Kritikern Anklang fand, die Filme aber jeder Konsumierbarkeit entzog. Seine Bilder, Filme und Texte sowie ihre zahlreichen transmedialen Kreuzungen sind Manifeste einer unablässigen Abräumtätigkeit – ästhetische Formen, an denen eingeübte Rezeptionsroutinen zuverlässig abprallen und denen ihr eigener – zuverlässig vermiedener – Erfolg Anlaß eines Generalverdachts wäre. Kristl ist der seltene Fall eines Künstlers, der die eigene Erfolglosigkeit nicht nur in Kauf nahm, sondern sie – unter den Bedingungen einer marktabhängigen Kunstproduktion – vielmehr als Ausweis des Authentischen seiner Arbeit pflegte: "Ich muß höllisch aufpassen, dass mir nicht zufälltg ein Film gelingt."

 

Nicht zuletzt aus diesem Grunde ist Kristl heute einer der großen Vergessenen der Kunst der 60er und 70er Jahre. Er passte in keine Schublade. Als alle von der Erneuerung des deutschen Films sprachen, machte er Nicht-Filme. Als die Erneuerer die Partizipation des Zuschauers auf die Tagesordnung setzten, proklamierte er gleich dessen Abschaffung, etwa im Titel seines Films Tod dem Zuschauer. Kunst hatte für ihn immer zugleich Nicht-Kunst zu sein, kein Distinktionsmerkmal zum Erwerb symbolischen Kapitals. "Alles muß man so machen, dass jeder der es sieht, ausrufen kann: Das kann ich auch!" Dieses Credo liegt Kristls Autorschaft zugrunde, und es korrespondiert doch zugleich mit jener Überführung von Kunst in Lebenspraxis, von der die historische Avantgarde träumte. Oder, wie Ernst Wendt einmal schrieb: "Vlado Kristl ist der Entre-Acte-Clown, der die Seiltänze der arrivierten Artisten in den Pausen zwischen deren Filmen, deren perfekten Glanz-Nummern, ausfüllt, um die hohe Kunst zu relativieren".

 

In Zusammenarbeit mit Madeleine Kristl entsteht derzeit eine Kompilation der Lyrik- und Prosatexte Vlado Kristls, die 2012 im Verbrecher Verlag, Berlin erscheinen wird.

Arbeitsgruppe

Marietta Böning

Franziska Bruckner

Brigitte Marschall

Christian Schulte

Workshop

Der Workshop zu Vlado Kristl: Der Mond ist ein Franzose fand vom 18.-19. November 2011 in der KUNSTHALLE wien | Ursula Blickle Videolounge statt.

Vortrag von Gabriele C. Pfeiffer, 19.11.2011

Vortrag Gabriele C. Pfeiffer (Universität Wien), 19.11.2011

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Vortrag von Brigitte Marschall, 19.11.2011

Vortrag Brigitte Marschall (Universität Wien), 19.11.2011

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Radovan Grahovac, Gabriele Schwark, Christian Schulte, Christian Maat,18.11.2011

Diskussion Radovan Grahovac, Christian Maat, Christian Schulte und Gabriele Schwark, 18.11.2011

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Vortrag von Franziska Bruckner, 19.11.2011

Vortrag Franziska Bruckner (Universität Wien), 19.11.2011

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Vortrag von Marietta Böning, 19.11.2011

Vortrag Marietta Böning, 19.11.2011

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Vortrag von Aneta Bialecka, 19.11.2011

Vortrag Aneta Bialecka (Universität Wien), 19.11.2011

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