Schwermütige Bankgeschichten (Diagonale 2012)

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Eine Filmkritik von Marlene Groihofer zu Thomas Bernhard – Drei Tage, Regie: Ferry Radax, DE 1970.

 

Eine weiße Parkbank auf einer Wiese. Rechts daneben ein Baum. Und auf der Bank Thomas Bernhard. Ferry Radax hatte es im Juni 1970 geschafft, den Autor in einen Hamburger Park zu locken und dort ein Portrait für den WDR über ihn zu drehen – nachdem Bernhard zuvor Radax' ursprüngliches Konzept für den Film abgelehnt hatte.

 

Während er in der Mitte der Parkbank Platz genommen hat, beginnt Thomas Bernhard sehr langsam und bedacht zu erzählen: von seiner Kindheit, über das Alleinsein, über das Schreiben, über die Finsternis. Drehbuch gibt es keines, jedoch liegt neben dem Autor ein Buch mit Stichworten, in dem Radax bernhard'sche Begriffe zur Inspiration notiert hat.

 

Ferry Radax produziert kein gewöhnliches TV-Portrait über Bernhard, er setzt sich vielmehr künstlerisch mit dem Autor auseinander. Die Bilder sind schwarz-weiß gehalten. Musik gibt es keine. Nur das Vogelgezwitscher, Stimmen von vorübergehenden Passanten oder ab und zu ein Flugzeug sind neben Bernhards monotoner Stimme zu hören – in Kombination mit den statischen ruhigen Kameraeinstellungen eine Herausforderung für den Zuseher – die Gefahr, in ein Konzentrationsloch zu fallen, ist groß.

 

Drei Tage lang sitzt Thomas Bernhard auf der Bank. Mit jedem Tag rückt die Kamera ein Stück näher an ihn heran – vermeintlich wird dadurch vermittelt, man komme auch dem Autor immer näher. Szenen, in denen man Bernhard scheinbar off-records erlebt, in denen er nach einigen begonnenen Wörtern die Szene abbricht, weggeht oder sich räuspert, suggerieren Authentizität. Zwar empfindet sich Thomas Bernhard laut eigener Aussage, in dem was er in Drei Tage von sich Preis gibt, als authentisch. Vergessen werden darf aber nicht, dass der Autor 1970 kein Unbekannter mehr war und wohl genau darauf geachtet hat, wie er sich in Radax' Film inszeniert.

 

Außergewöhnlich an diesem Film sind die Kameraeinstellungen: Öfters sieht man Thomas Bernhard aus der Ferne, später im Film dann aus der Nähe. Es gibt Detailaufnahmen seiner Schuhe oder eines Ästchens, das er in seiner Hand hin- und herdreht. Dann wiederum wird er schief oder mit abgeschnittenem Kopf aufgenommen oder die Bank ist plötzlich leer, obwohl er immer noch spricht. Radax bringt in kleinem Rahmen Dynamik ins Spiel und Auflockerung in Bernhards schwere Worte. Es folgen Schnitte auf die Mitarbeiter des Filmteams und oft sieht man Thomas Bernhards Bild im Bild: auf einem Videomonitor, auf dem das Material beim Dreh vor Ort gesichtet werden konnte.

 

Ton und Bild passen teils perfekt zusammen, manchmal sind die beiden Ebenen aber beinahe schon plump miteinander vernetzt. Aus dem Rahmen fällt eine längere Sequenz, in der von einem Feuerwehrauto aus eine Leiter über dem Park ausgefahren wird. Laut Radax soll hier Spannung aufgebaut und auf das was danach kommt neugierig gemacht werden.

 

Obwohl Bernhard sich dagegen wehrt, als düsterer Schriftsteller bezeichnet zu werden, spricht er großteils schwermütig über schwermütige Dinge. Und schwermütig wirkt der Film auch insgesamt. Im Gegensatz zu Radax' Werken Sonne Halt, Testament oder Forum Dichter Graz fehlt Thomas Bernhard – Drei Tage jegliche Schnelligkeit. Schwarzblenden ziehen sich durch den gesamten Film – sie verstärken einerseits das Gefühl der Dunkelheit, andererseits teilen sie den Film in viele kleine Abschnitte. Aufgrund der guten Strukturierung fehlt jede Spur von Verwirrung – im Gegenteil, man empfindet den Film als sehr klar, da man alles erfassen kann, was innerhalb des Bildrahmens passiert. Bis zum Schluss, wenn nach Tag drei schließlich die Nacht über die weiße Parkbank hereinbricht.