Schweigend kommentiert (Diagonale 2016)

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Eine Filmkritik von Fiona Hammerl zu Alltagsgeschichte – Am Stammtisch. Ein Heimatfilm, Regie: Elizabeth T. Spira, AT 1988


Am Stammtisch. Ein Heimatfilm ist der Teil der Alltagsgeschichte-Reihe, gegen dessen Ausstrahlung sich der ORF, laut Regisseurin, dreimal in letzter Minute entschieden hat. In den einführenden Worten meint Elizabeth T. Spira, dass das Publikum der Diagonale vielleicht selbst gleich herausfinden werde warum. Der Film hätte sie fast ihren Job gekostet. Die Diagonale zeigt Spiras Dokumentation in der Reihe "Österreich: Zum Vergessen", Untertitel: "Sprechen". An den Stammtischen wird untereinander diskutiert und erzählt, für die Kamera wird im Interview erklärt und dazwischengerufen. Gesprochen wird also viel, aber vorgegebenes Thema gibt es keines. Die Kamera scheint als Teil der Runde einzufangen, was sich entwickelt. Es bleibt bei jedem vorgestellten Stammtisch eine Überraschung, ob es sich dabei um nackte Hinterteile, sich in den Vordergrund drängende Gesichter oder Frauen, die auf den Nebentisch verbannt ihr Stamperl trinken dürfen, handelt. Es werden verschwitzte, vom Alkoholkonsum gerötete Gesichter beim Essen in unvorteilhaften Close-Ups gezeigt, die fern einer neutralen Dokumentation, den filmischen Kommentar durchklingen lassen. Rauch und Alkohol sind allgegenwärtig und der Film lässt den Umstand nicht unbemerkt. Man hat an manchem Tisch von "Emanzi-pazi… pazi…" noch nicht viel gehört, Vergangenes und Tradition sind andererseits nicht vergessen. Antisemitismus prägt nicht nur den Stammtisch der Schützen, sondern auch den der wichtigsten Personen des Dorfes: Bürgermeister, Arzt, Lehrer, Geschäftsmann und Pfarrer. Letzterer scheint die am Tisch vorherrschende Meinung über Juden, die zwar eh auch Menschen, aber eben selbst schuld an ihrer Situation sind, zwar nicht ganz zu teilen, kann aber wegen seinem Statuteneintrag wegen Verspätung nicht viel dagegen sagen. Waldheim kommt in den Diskussionen und Bundesländern unterschiedlich weg. Während man beispielsweise in Tirol eher von dessen Unschuld überzeugt ist, ist man sich in Wien in diesem Punkt nicht ganz einig.

 

An Meinungen mangelt es dem Film nicht, obwohl er selbst doch scheinbar keinen eigenen Standpunkt äußert. Eine Off-Stimme klärt das Publikum über Ort und Zweck des Stammtisches auf, lässt dann aber Stammtische und Interviews für sich wirken. Artikulierter Kommentar ist da sowieso oft nicht notwendig. Pfeifen-, Schützen- und Fischerverein machen ihre Standpunkte klar, Tiroler und Kärntner haben ihre Geschichten zu erzählen. Bis nach Wien wird über Krieg und Politik diskutiert und die eigene Vergangenheit mythologisiert. Genauso wie es die Pflicht der Stammtisch-Mitglieder ist, das Vergessen zu verhindern, kann man das Dokumentieren als Spiras Pflicht sehen.

 

Man könnte den Film als Zeitdokument beschreiben, das einfängt, wie die Österreicher der 80er dachten und fühlten. Doch rein allein historische Quelle ist er auch nicht: einige Kommentare der Stammtisch-Mitglieder sind so platziert, dass sie zwar für sich wirken, aber das Schweigen des Films dazu doch auch eine Meinung abgibt. Gesagtes steht für sich, der Film gibt Aussagen Platz, die auf das Publikum wirken. Sehr gut kommen die österreichischen Stammtische dabei nicht weg, was man aber von einer Spiraschen Alltagsgeschichte auch nicht unbedingt erwartet. Es bleibt den Zuschauern nur hoffend zu vermuten, dass für den Film Langweiliges rausgeschnitten wurde, dass nur die Hälfte der besuchten Stammtische im Film vorkommt, die besonders aufreibendes Bild- und Tonmaterial hervorbrachten. Dass ein Besuch derselben Stammtische heute ein anderes Bild vermitteln würde…