Rausch der Begegnung (Diagonale 2013)

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Eine Filmkritik von Sandra Ladwig zu Perfect Garden, Regie: Mara Mattuschka und Chris Haring, AT 2013.

 

Perfect Garden ist als ein Wahrnehmungsangebot aufzufassen, das sich vor allem durch die performative Darbietung auszeichnet. Der lustvolle Körper und seine Bewegungen werden von der Kamera nicht im voyeuristischen Sinne eingefangen, um gängige androzentrische Blickstrukturen wiederzukäuen, sondern vielmehr wird hier eine eigene Ausdrucksweise der Korrespondenz etabliert. Sprache manifestiert sich in einer Form der Relation, als Bindeglied zwischen den Menschen, als Vermittlung, die als etwas Instabiles formuliert wird, denn nur die stete Wiederholung lässt das ersehnte Wort über die Lippen kommen. Drogen bzw. der Konsum scheinen sekundär und führen weg von komplexen ursächlichen Zusammenhängen hin zu alternativen Raum-Zeitgefügen, in denen sich Menschen begegnen. Wie diese Begegnung aussehen kann, wird sowohl durch eine faszinierende Körpersprache angedeutet als auch in einer unaufgeregten Art und Weise filmisch zum Ausdruck gebracht. Rätselhafte Szenen, die für sich stehen können ohne dem Druck der Kausalität nachzugeben, enttäuschen die an gängige Erzählmuster orientierten Sehgewohnheiten und fordern dazu auf mögliche Bedeutungen selbstreflexiv zu entschlüsseln.

 

Die Regeln und Konventionen zwischenmenschlicher Begegnung scheinen aufgehoben. Weniger wird hier auf performative Repräsentation gesetzt, als dass jede/r für sich im eigenen Kosmos schwebt und der/dem Anderen begegnet, indem man sich ertastet ohne einander unmittelbar zu berühren. Die Inszenierung der Urszene mit Eltern und kindlicher Beobachterin spiegelt die durchgängig enigmatische Eigenart von Personenkonstellationen und Identitäten wider, wobei Sexualität weder explizit präsentiert noch ausschließlich verfremdet dargestellt wird: In der gegenseitigen Bedingung referiert körperliche Intimität und Begehren hier auf das, was sein kann und stellt es nicht als fixierte Rolle zur Disposition. Verstörende Szenen von einer sich anbahnenden sexuellen Interaktion formen sich zu einer das Unangemessene der Situation nicht entsprechenden, zelebrierenden Ekstase über die Vorlieben von Mahlzeiten, die zu einer eigenen Komik führen.

 

Räumliche Prinzipien werden in dem vorerst zwielichtig erscheinenden Etablissement außer Kraft gesetzt, indem eben die Wahrnehmung dieser Prinzipien fehlschlagen und sich jede/r der eigenen Unsicherheit durch den Kontrollverlust bewusst wird, ohne dieser zu erliegen. Der individuelle Rausch (des Daseins) kann als konstituierter Kontrapunkt zu der von nützlicher Zeit bestimmten Gesellschaft verstanden werden, folgt er indessen einer anderen Gesetzlichkeit von Begehren und Begegnung. Hingegen vollzieht sich der Gegensatz nicht zwingend in der Gestaltung von Innen- und Außenraum im Sinne von privat und öffentlich definiert, denn die Vorgänge jenseits der vier Wände muten nicht weniger kurios im herkömmlichen Sinn an. Insbesondere die Mafia-Bande fungiert als Exempel für die Abkopplung von alltäglichen Bestimmungen. Sie werden in den Sog von verschobener Zeit-, Raum- und Körperwahrnehmung hineingezogen und von ihrem Vorhaben, den Laden unter ihre Fittiche zu nehmen, abgebracht. Und wenn dem Drang rationaler Plausibilität nicht nachgegeben wird, können ebenso irritierende und beklemmende Szenen dieser Arbeit – erinnert sei an die körperfremde Stimme – Eindruck hinterlassen, der sich aus einer Konfrontation mit uns selbst erschließt.