QUID TVM – für Lateiner und nicht Lateiner, die alles wissen wollen! (Diagonale 2012)

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Eine Filmkritik von Iris Singer zu QVID TVM, Regie: Mara Mattuschka mit Reinhard Jud, AT 2011.

 

Die erste Frage, die sich mir gestellt hat, war: Wie spreche ich den Filmtitel richtig aus und was bedeutet QVID TVM überhaupt? Ohne jegliches Wissen über Aussprache und Inhalt konsumierte ich als den Film spät abends am zweiten Tag der Diagonale.

 

Quid tvm ist lateinisch und bedeutet so viel wie was solls. Das war wohl auch das Motto der Produktion von Mara Mattuschka. Denn eigentlich war ein Dokumentarfilm geplant und auch soweit organisiert, bis der Hauptdarsteller kurz vor Beginn der Dreharbeit beschlossen hatte: was solls – etwas anderes ist wichtiger. Die Produktion drohte also ins Wasser zu fallen und frei nach dem Motto was solls schrieb Mara Mattuschka mit ihrem Co-Autor Reinhard Jud eine Geschichte, die – wie sie selbst meint – für ihre Darsteller geschrieben wurde.

 

Die Story kreist um ein altes Altes Haus und die darin lebenden und arbeitenden Personen. Diese sind alle irgendwie mit einander verbunden, wenn auch manchmal nur dadurch, dass sie das gleiche Leid zu tragen haben. Protagonistinnen der Geschichte sind Gucki, eine junge Frau, und ihre Mutter, die Besitzern bzw. Vermieterin der Zimmer bzw. Lagerräume. Die Beziehung der beiden Frauen zu einander ist sonderbar, beide haben das Haus bzw. das Grundstück noch nie verlassen. Die Mutter, eine paradoxe Gestalt, träumt davon, den richtigen Mann zu finden, sitzt primär vor Internetseiten von Partneragenturen und beteuert, wenn sie Ihn gefunden haben wird, dann wird sie das Haus verlassen und somit auch ihre Kinder. Gucki, inspiriert von den Vorgängen im Haus – Sadomasospiele, Tanzeinlagen leichbekleideter Art etc. –, liebäugelt währenddessen mit einem jungen Mann, der offensichtlich auf der Flucht vor jemandem ist und sein gemietetes Zimmer nie verlässt. Gleichzeitig leidet sie aber auch unter dem offensichtlichen Desinteresse ihrer Mutter, deren Gedanken nur darum kreisen Ihn zu finden.

 

Bereits in den ersten Sequenzen taucht man hinab in eine Art psychedelischer Unterwelt. Die Menschen in diesem Haus sind zwar aus unterschiedlichsten Gründen dort, haben jedoch eines gemeinsam: Sie sind alle auf der Suche nach etwas – nach einem Weg aus einer aussichtslosen Situation, nach Liebe oder nach sich selbst und der Erfüllung ihrer geheimen Wünsche.

 

Alle Charaktere leben in ihrer eigenen Welt von Sein und Schein. Schon zu Beginn sagt der Herr Doktor nach seiner Sadomasositzung in einer Zwangsjacke: "Oft wendet man den Blick nach Innen – man schiebt die Welt vor sich her… wer sieht wird gesehen…" Mattuschukas Ziel war es – wie sie selbst meint – der Psychologie Raum zu geben. Sie taucht ein in das Innerste ihrer Figuren und zeigt deren manchmal auch sehr skurrile Gedanken und Eigenschaften.

 

Obwohl die Produktion sehr kurzfristig umgesetzt und der gesamte Film in 16 Tagen abgedreht wurde (das alles ohne Drehbuch), sind keine großen technischen oder inhaltlichen Schwächen zu beklagen. Natürlich ist festzustellen, dass nur in diesem besagten Haus gefilmt wurde und auch die Kameraeinstellungen immer einem ähnlichen Schema entsprechen. Trotzdem ist ein sehr gelungenes Ergebnis entstanden, das nicht zuletzt auch darauf zurück zu führen ist, dass das Filmteam schon seit vielen Jahren auf einander abgestimmt und zu einer Art Familie zusammen gewachsen ist. Diese Harmonie ist auch im Film spürbar.

 

Besonders hervorzuheben sind die schauspielerischen Leistungen von Sandra Bra, alias Gucki, und Sylvia Bra, die sowohl im Film als auch im wirklichen Leben ihre Mutter ist. Beide spielen ihre exaltierten Charaktere mehr als überzeugend. Die Mutter-Tochter-Beziehung wurde dadurch gewinnender, was auch sofort an den Gesichtskonturen zu erkennen ist.

 

Dass der Film nicht für das ORF1-Mainstreampublikum konzipiert ist, steht außer Zweifel. Mara Mattuschuka ist es gelungen, einen abstrakten psychedelischen Undergroudfilm unter schwierigen Bedingungen und Zeitdruck zu produzieren. QVID TVM gewährt tiefe Einblicke in die Psyche der Charaktere und hält gerade am Beginn mit Verwirrspielen (Rückblenden) die Spannung aufrecht.