Plötzlich war alles überschwemmt und die Fische fraßen uns den Tomatensalat vom Tisch (Diagonale 2012)

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Eine Filmkritik von Annika Rohde zu Sonne Halt!, Regie: Ferry Radax, AT 1959-62.

 

Ferry Radax´ Sonne Halt! ist sein wohl bekanntester Film und gilt als Klassiker des Experimentalfilms. Mit einem Budget von 6000 Schilling (etwa 430 €) drehte Radax 1959 mit seinem Freund Konrad Bayer sechs Wochen lang in Monterosso al Mare, nachdem die erste Version des Films beim Entwickeln unwiderruflich zerstört wurde. Es gab kein feststehendes Drehbuch. Radax empfand dies als Spannungszustand, der ihm erlaubte, die Geschichte des Films in aller Freiheit und mit der Kamera in der Hand aus dem Ort heraus zu entwickeln.

 

Konrad Bayer spielt zugleich einen Dandy und einen Matrosen, der zunächst die Sonne, im weiteren Verlauf des Films auch den Mond, vom Himmel schießt, um zwei hübsche Damen (Suzanne Hockenjos und Ingrid Schuppan) zu beeindrucken. Radax äußert sich zur inhaltlichen Bedeutung des Films:

 

"Es ist schon so, dass es Symbolik ist: Die Entthronung von Aton oder einer Weltmacht, die alles beherrscht, also ist im Grunde genommen eine Rebellion gegen eine Vorstellung von Gott ... Diesmal geht es dem Licht, das die Welt erhellt oder das unser ganzes Leben ausmacht, an den Kragen. Aber das ist so gemeint, dass der Mensch machen kann was er will, die Welt geht nicht unter."

 

Beeindruckender als das inhaltliche Geschehen sind jedoch die Ästhetik und die formale Gestaltung des Films. Bild- und Tonebene ergänzen sich auf oft unterhaltsame Art und Weise, nicht selten wirkt eine Ebene als ironischer Kommentar der anderen. Direkte Rede ist nur in wenigen Szenen zu finden. Meistens wird das Geschehen aus dem Off kommentiert. Dies geschieht größtenteils über Versatzstücke aus Konrad Bayers Romanfragment Der sechste Sinn. Dieser habe laut Radax die gleiche Stimmung wie der Film. Einzeln betrachtet scheinen einige der Sätze zunächst keinen unmittelbar erkennbaren Zusammenhang zu haben, dennoch ergibt sich am Ende ein schlüssiges Gesamtbild.

 

Gerade weil er es als unpassend empfand, hat Radax zudem spontan das wirre Gerede des Schülers Barabas eingebracht, der sich darüber aufregt, dass heutzutage alle Revolutionäre und Individualisten sein wollen. An diesen Stellen redet Konrad Bayer durcheinander und seine Stimme hat eine unangenehm hohe und schräge Tonlage, im Kontrast zu den ruhig vorgelesenen Stellen aus dem Roman. Es werden einige Musikstücke eingespielt, die störend, anstrengend und teilweise musikalisch falsch gespielt klingen. Die Texte der Lieder kommentieren das Geschehen und geben teilweise Hinweise auf die folgenden Ereignisse.

 

Sonne Halt! wurde mit einer Handkurbelkamera gedreht. Da das Budget weder für professionelle Schauspieler noch für einen Kameramann reichte, filmte Radax alle Szenen selbst. Die Aufnahmen sind oft leicht verwackelt, manche wurden technisch verändert. Verschiedene Bilder werden so schnell hintereinander geschnitten, dass das Auge kaum noch mitkommt, Stoptrick und Zeitraffer finden Verwendung. Jedem der oft absurden Bilder eine exakte Bedeutung im Zusammenhang des Films zuordnen zu können, fällt nicht immer leicht. Unterhaltsam klingt in diesem Kontext Radax´ Äußerung:

 

"Es ist ja auch ein Film, der nur durch den sechsten Sinn zu verstehen ist. Und wer den nicht hat, der versteht halt den Film nicht. Nämlich verstehen heißt, dass man den sechsten Sinn haben muss sich einzugestehen, dass man den Film nicht verstehen kann oder braucht. Man braucht ihn nicht verstehen, weil man ihn eh nicht verstehen kann."