"Nichts" ist überall (Diagonale 2013)

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Eine Filmkritik von Manon Steiner zu Kalte Probe, Regie: Constanze Ruhm und Christine Lang, AT/DE 2012.

 

"Tout ce que je pouvais donner c'était des films" ("Filme waren alles, was ich geben konnte"), sagte Jean-Luc Godard 1987 vor laufender Kamera über die Ehe mit seiner einstigen Muse Anna Karina. Diese saß mucksmäuschenstill neben ihm und verließ wenige Augenblicke später weinend den Raum. "Wie zeigt man etwas, ein Ereignis? Wie zeigt man, dass am 13. Februar 1986 der Regisseur Hans der Schauspielerin Anna in einer billigen Fernsehshow wieder begegnet ist? Und wie zeigt man, dass vor allem er das nur des Geldes wegen gemacht hat? Kann man diese Worte, diese Bilder wirklich gebrauchen, gibt es keine anderen?" Diese Fragen haben sich Constanze Ruhm und Christine Lang in ihrem Experimentalfilm Kalte Probe gestellt. Ausgangspunkt bildet die besagte Show, auch wenn das Datum leicht verändert wurde und die Hauptfigur Hans Lukas heißt, was aber auch nur die deutsche Variante von Jean-Luc ist. Doch eigentlich geht es gar nicht um Hans und Anna. Eigentlich geht es um etwas ganz anderes. Aber worum?

 

Auf den ersten Blick ist der Film eine Hommage an das Frankreich der Sechziger Jahre. Neben Hans und Anna, kommen nämlich auch noch Serge Gainsbourg und Jacques Lacan vor. Aber auch das ist falsch. Beginnen wir beim Anfang: In brechtscher Manier wird die vierte Wand von Beginn an durchbrochen, indem auf eine Großaufnahme von Anna Karina, die Schauspielerinnen folgen, die erst beginnen die Handlung aufzubauen, Rollen einzuteilen und zu erzählen. Anna selbst wird gleich dreimal dargestellt – so können unterschiedliche Hanglungsabläufe und Sichtweisen gezeigt werden. Darüber hinaus bedient sich Kalte Probe ähnlicher selbstreflexiver Techniken, für die Godards Nouvelle Vague so bekannt war. Immer wieder wird die Linearität der Handlung aufgebrochen und darauf hingewiesen, dass es sich nur um eine Darstellung handelt. Hinzu kommt die sogenannte "vierte Schauspielerin", die, in einem Zimmer eingeschlossen, von der Handlung ausgeschlossen bleibt und eigentlich die Triade der drei Annas zerstören will. Auf der anderen Seite der Tür befinden sich Sigmund Freud und Jacques Lacan, "Affen aus dem vorigen Jahrhundert", die verhindern wollen, dass die Frau ausbricht. Nicht nur verkörpert sie den Stereotyp der hysterischen Frau, den Freud und schließlich Lacan publik gemacht hatten, auch ist die Situation eine Anspielung auf Freuds triadische Familienvorstellung, bei der das Kind das dritte Element in der Frau-Mann Beziehung darstellt und durch diese Erkenntnis den Ödipuskomplex überwindet. Freud, wie Lacan, ignorierten dabei meist die Weiblichkeit, gingen stets vom Phallus aus und sagten der Frau nach sie wäre auf diesen neidisch. Wie Laura Mulvey in ihrem Essay "Visuelle Lust und narratives Kino" kritisieren die Regisseurinnen, von den Theorien der frühen Psychoanalyse ausgehend, die männliche Dominanz in einem Kino, das in erster Linie die Schaulust des Mannes befriedigen sollte, die Frau als Objekt darstellte und als Subjekt ausschloss.

 

Auf die Frage, ob es keine anderen Bilder gebe, antworten Ruhm und Lang, indem sie die Geschichte von Anna und Hans aus der Sicht der Frau erzählen und Hans und seine maskuline Filmwelt bloßstellen. Kalte Probe beschäftigt sich mit gesellschaftlichen wie filmischen Traditionen, Clichés und Konventionen und kritisiert dabei die seichten Fernsehprogramme, mit ihren nichtssagenden Talkshows, bei denen es den Produzenten nur um Einschaltquoten und den Gästen nur ums Aufsehen geht. Godard, der mit seinen Filmen eigentlich der seichten Unterhaltung den Kampf ansagte, ist hier das Paradebeispiel für die heuchlerische Filmwelt. Obwohl die Darstellung der Charaktere übertrieben parodiert ist, bietet Kalte Probe eine gelungene Kritik einer Welt, die von Medien und Männern diktiert wird. Allerdings war dies bereits nach den ersten 40 Minuten gesagt. Danach wird der Film zunehmend abstrakt und unverständlich, wenn zum Beispiel plötzlich ein Esel auftaucht und darüber nachdenkt, warum er gerade hier ist. Immerhin versteht es der Esel auch nicht. Ein Film muss auch nicht immer logisch sein, solange man auf geistiger Ebene etwas damit anfangen kann und er den Zuschauer zum Nachdenken anregt.

 

Das war auch der Anspruch der Nouvelle Vaguisten. Das eigene Leben diente dabei häufig als Inspirationsquelle. So sagt man Godard nach, dass er in seinen Filmen stets die ideale Frau kreierte, die eigentlich immer nur eine Projektion seiner selbst war. Und am Ende sei er enttäuscht, dass sie in Wirklichkeit ganz anders wäre, meint Anna im Film zu Hans. Nachdem Godard mit seiner Anna im Film nichts mehr anfangen konnte, verließ er sie auch im wahren Leben. In der Fernsehsendung sahen sie sich zum ersten Mal nach 20 Jahren. In Kalte Probe sind Hans und Anna in einer ewigen Wiederholungsschleife ihres eigenen bedeutungslosen Dramas gefangen. Immer wieder müssen sie die Bühne der Talkshow "NICHTS" betreten. Immer wieder die gleichen dummen Fragen beantworten und immer wieder aufs Neue daran zu Grunde gehen. Wie Nana in Vivre sa Vie, sind auch hier die Charaktere verloren und ewig auf der Suche. Wonach? Vielleicht, der verlorenen Zeit, dem Unbewussten, Erkenntnis, dem Sinn des Lebens, des Todes. Aber ungleich Vivre sa Vie, der mit dem Tod der Protagonistin endet, geht Kalte Probe nach dem Tod von Hans und Anna weiter, lässt sie immer wieder auferstehen, ohne Hoffnung auf ein Ende.