Mit Lücken ist zu rechnen (Diagonale 2014)

Zurück zur Übersicht

 

Eine Filmkritik von Marlies Klinglhuber zur [ma]-trilogie: Tibetische Erinnerungen, Regie: Manfred Neuwirth, AT/Tibet 1988-1995, manga train, Regie: Manfred Neuwirth, AT/JP 1998, magic hour, Regie: Manfred Neuwirth, AT 1999.

 

Um Geschichte(n) zu erzählen bedarf es manchmal äußerst wenig. Schon kleinste Gesten und eher flüchtige Augenblicke vermögen hierbei als Bausteine zu fungieren. In Manfred Neuwirths [ma]-trilogie sind dies zum Teil Bilder, die längst nicht mehr in der Gegenwart zu finden sind, weil sie überwachsen, zubetoniert oder unter den Trümmern der Geschichte begraben sind. Die Reise über Tibet und Japan wird zum Motiv für die Reise zurück in die österreichische Kindheit.

 

Nicht immer sind diese Bilder klar. Einmal lassen die vibrierenden Regentropfen am Fenster eines fahrenden Zuges die vorbeiziehende Landschaft zum pointillistischen Gemälde werden, dann wiederum ist es nachtschwarz, bis das Aufleuchten des Blitzes die Gegend erhellt. Gelegentlich tauchen Bilder auf, die man selbst vielleicht eher mit anderen Sinneseindrücken verbinden würde. Etwa mit der lähmenden Hitze eines endlosen Sommertages, oder mit dem Geruch von heißem Fett, der in der Kindheit einer ländlichen Jugend nur zu besonderen Tagen in der Luft lag. Gesichter, Bewegungen, sowie Klänge, mögen diese nun aufgrund ihrer Regelmäßigkeit oder aufgrund des erstaunten Betrachtens sowie Hörens in Erinnerung geblieben sein, schreiben eine ganz persönliche Geschichte in den Raum.

 

Wenn Bilder sich in bestehende Narrative einschreiben können, dann können sie diese auch fortschreiben. Neuwirths Erzählung bedient sich der Form des Fragmentarischen. Er arbeitet affektiv und zugleich formal klar strukturiert. Die Beziehungen zwischen Erzählung und Geschichte sind hier ebenso sprunghaft, wie das Aufeinanderfolgen der einzelnen Einstellungen. In ihrer Fragmentiertheit reibt sich die Erzählung am linearen Zeitverlauf, scheint ihm geradezu enthoben zu sein. In Zeitlupe bewegen sich die Bilder über die Leinwand, ganz so, als würde das innere Auge in der Rückschau nicht mit der Geschwindigkeit der ersten Beobachtung, die sich irgendwo eingeschrieben hat, mitkommen. Das Überwinden der Zeit scheint ein mühevoller Prozess zu sein. Wie im Traum ziehen die Bilder vorbei, mischen sich Geräusche darunter, die einer eigenen Geschwindigkeit folgen. Manchmal verweisen sie auf etwas, das außerhalb des Bildrahmens liegen könnte. Mit Lücken ist zu rechnen.