Mit dem Herzen staunen (Diagonale 2014)

Zurück zur Übersicht

 

Eine Filmkritik von Lena Franz zu manga train, Regie: Manfred Neuwirth, AT/JP 1998.

 

Eindrücke einer Reise, verlangsamte Filmbilder, scheinbar zusammenhangslos. Das ist Manfred Neuwirths Manga Train. Alle Sequenzen beginnen und enden mit einer schwarzen Leinwand. Diese symbolisiert, dass zwischen zwei Sequenzen sehr viel Zeit vergangen sein könnte. Der scheinbaren Reizarmut der Bilder aber steht ein Reichtum gegenüber, der erst durch die Stillstellung der gewöhnlichen Zeit ermöglicht wird: nämlich die Langeweile als besonderer emotionaler Zustand, der unsere Beziehung zu Zeit und Zeitlichkeit erfahrbar macht. Auch reizt diese Leere und Dehnung der Zeit den Zuschauer, selbst herauszufinden, was dahinter liegt oder liegen könnte. Und somit stellt sich nun die Frage, die sich Denis Diderot bereits gestellt hat: "Muß man denn, wenn man schreibt, alles schreiben ? Muß man denn, wenn man malt, alles malen? Ich bitte Sie, lassen Sie doch etwas offen, das meine Einbildungskraft ergänzen kann."

 

Manga Train kann als Ermutigung gesehen werden, die Welt anzustarren, und Neuwirth legt seine Konzentration dabei scheinbar auf jene unausgesprochenen Details menschlicher Gesten und Bewegungen, die mindestens genauso viel über die Gefühle und seelischen Zustände der Personen aussagen, wie irgendwelche Dialoge oder dramaturgische Verwicklungen der Handlung dies tun würden. Seine Aufnahmen halten folgendes fest: das, was in ihnen passiert und ihr eigenes Geschehen, ihre eigentümliche Bewegung und Dauer. Neuwirth ermöglicht es uns, die rasante Geschwindigkeit Japans für einen Augenblick zu vergessen. Und wie er selbst konstatiert ist Manga Train "ein persönliches filmisches Album, ein Album zum Durchblättern. Meine Assoziation zu Japan: Mit dem Herzen staunen."