Nachrichten aus der medialen Antike

Vortrag von

Wolfgang Beilenhoff

Studium der Slavistik und Filmwissenschaft in Bochum, Prag und Moskau. Gastdozenturen in Berlin, Moskau und Tiflis. Von 1987-1991 Mitarbeit an der Forschergruppe "Intertextualität und Fiktionalität" der Universität Konstanz (A.Haverkamp, W. Iser, H.R. Jauß, R. Lachmann). Seit 1991 Professor für Filmwissenschaft am Institut für Medienwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum mit den Schwerpunkten Filmästhetik und Filmtheorie.

Video
Veranstaltungsreihe

Symposium: Die Frage des Zusammenhangs

Ausschnitt aus dem Plakat zum Symposium: Alexander Kluge im Kontext

Informationen zum Symposium: Alexander Kluge im Kontext, 7.-9.10.2010

 

Alexander Kluges Werk ist ein stetig anwachsendes work in progress, das sich über den permanenten Wechsel der Medien artikuliert: Literatur, Film, Fernsehen, Internet, Medien- und Gesellschaftstheorie – auf diesen Feldern arbeitet Kluge seit einem halben Jahrhundert am mikrologischen Modell einer kommunizierenden Gegenöffentlichkeit, einem kritischen Modell, in dem die Asymmetrie zwischen AutorInnen und RezipientInnen weitgehend eingezogen scheint: "Der Film entsteht im Kopf des Zuschauers."

Freitag, 8. Oktober 2010 - 14:00
Campus Universität Wien / Aula, Spitalgasse 2/Hof 1, A-1090 Wien

Eines der zentralen ästhetischen und diskursiven Verfahren der Filme A. Kluges wie auch seiner Fernsehmagazine ist der ungewöhnliche Einsatz von Schrift, wobei Schrift keineswegs nur als Textinsert auftritt, sondern nicht selten selber Film wird, indem sie über typographische Kadrierung, die temporale Verflüssigung sich strukturell einer filmischen Sequenz angleicht. Die damit verbundene Schleifung der Grenzen von Bild und Schrift verweist einerseits – als Nachricht aus der medialen Antike – auf die Schrift(en) des Stummfilms: sei es die spiralförmig sich drehende, jede vertraute Linearität durchbrechende Schrift in M. Duchamps Anémic Cinéma (1926), sei es die typographisch dynamisierte, den Raum der Leinwand besetzende Schrift in D.Vertovs Kinoglas (1924). Gleichzeitig ist diese Interferenz von Bild und Schrift – nun als Antwort auf die mediale Gegenwart – von einem Impuls geprägt, der experimentell und spielerisch das Feld sondiert, auf dem Schrift und Bild als Agenten in Szene treten oder treten könnten. Die nun entworfenen Schriftbilder und Bilderschriften machen deutlich, dass die mediale Differenz von Bild und Schrift für Kluge zu einer ästhetischen Verlockung, zu einer Grenzerfahrung wird, die zwischen Sehen und Lesen oszilliert und uns dazu bringt, einen Buchstaben, ein Wort, mehrere Wörter einmal als 'Text', und einmal als 'Bild' wahrzunehmen. Deutlich wird damit zugleich, dass jenseits aller Essentialisierung der mediale Status der Schrift allein an der Grenze zwischen Bild und Schrift erfahren und reflektiert werden kann. Gefordert – und in dem Vortrag auszufächern – sind daher diskursive und pikturale Manöver, die den Zuschauer zu solch permanenten Grenzbeschreitungen und Grenzübertretungen einladen.