Die Zukunft gehört der Geschichte des Kinos

Alexander Kluges Gegenwartsuntersuchungen als historiografischer Unruheherd
Vortrag von

Karin Harrasser

Vertretung der Professur Techniktheorie und -geschichte an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Seit 2009 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Kunsthochschule für Medien Köln. Schwerpunkte in Kultur- und Techniktheorie, Wissenschaftsgeschichte der Medien, Populärkultur (Science-Fiction), Gender Studies. Habilitationsprojekt zur Kultur- und Theoriegeschichte der Prothese. Außerdem Forschungs- und Vermittlungsprojekte an der Schnittstelle Geisteswissenschaft und Kunst (kürzlich: Die Untoten.

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Veranstaltungsreihe

Provokation der Wirklichkeit. 50 Jahre Oberhausener Manifest

Ausschnitt aus dem Plakat zum Symposium

Das Wiener Symposium zu 50 Jahre Oberhausener Manifest, 7.-8.6.2012 im Österreichischen Filmmuseum

Donnerstag, 7. Juni 2012 - 11:00
Österreichisches Filmmuseum, Augustinerstraße 1, A - 1010 Wien

Manifeste verfügen über eine komplizierte zeitliche Struktur: Sie projektieren eine Zukunft, um in der Gegenwart zu intervenieren, während die Vergangenheit mit großer Geste verabschiedet wird. Auch das Oberhausener Manifest "performte" diese Geste mit dem Slogan "Papas Kino ist tot". Der Neue deutsche Film, der mit dem Manifest inaugiert wurde, sollte Zeitgenosse künstlerischen Filmschaffens kontinentalen Zuschnitts, das ebenfalls das "Neue" im Namen führte (Nouvelle Vague, Cinema Novo), sein, orientierte sich aber auch – gerade in der Person Alexander Kluges – an "väterlichen" Theorien (Brecht, Benjamin). Der Vortrag möchte dieser gespannten Zeitlichkeit nachspüren: dem Ineinander von Innovationswillen und Erinnerungsarbeit; den Versuchen, dem Kino als unzeitgemäßem Medium einen Ort in der Nachkriegsgegenwart zu verschaffen; der intrinsischen Unmöglichkeit des im Manifest proklamierten "Abschieds von gestern" (wie einer der ersten Filme hieß, die aufgrund der Reform der deutschen Filmproduktion ermöglicht wurden); und der Frage, wie dieses "gestern" nach Hollywood geraten war und so verabschiedenswert wurde. Alexander Kluges "Gegenwartsuntersuchungen" werden dabei als filmische Theorie des Films verstanden, die ein Begehren nach einem "anderen" Deutschland verbildlichen. Ein Begehren, das jedoch keine klare und einsinnige utopische Perspektive kennt, sondern kaleidoskopartig (Un-)Möglichkeiten vorführt. Godards Unternehmen einer Geschichte des Kinos als historiografischer Metareflexion ähnlich, schlägt Kluge damit eine Bildsprache vor, die im Katarakt der Geschichte (Kracauer) operiert, die Gegenwart also als einen gewaltsamen Kräften ausgesetzten Strudel begreift, in dem kein friedliches Paddeln möglich ist.