Innovative Klischeebedienung (Diagonale 2013)

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Eine Filmkritik von Maximilian Röhrle zu Perfect Garden, Regie: Mara Mattuschka und Chris Haring, AT 2013.

 

Perfect Garden mag im ersten Moment abschreckend wirken. Denn wenn ein Pressetext ein "perfekt choreographiertes Körperspiel" verspricht, das zur "symbiotischen Verlängerung eines exzessiv hedonistischen Unterbewusstsein" verkommt, dann muss sich der Otto Normalverbraucher  im Vorfeld auf Wikipedia informieren, was die Worte eigentlich bedeuten, die da den neuen Film von Mara Mattuschka und Chris Haring ankündigen. Es scheint derzeit in Mode zu sein, Filme oder Kunstwerke mit möglichst vielen – beim ersten Nachdenken sinnfreien – Antithesen anzuwerben. Wer lässt sich nicht gerne auf einen Film ein, um herauszufinden, was man sich unter "utopisch realistisch" vorzustellen hat? Auch derjenige, der sich ohne vorherige Lektüre in den Kinosaal wagt, zweifelt beim mit roter Leuchtschrift gestalteten Titel, ob der Kinobesuch ein guter Plan war. Diese Art von Aufmachung findet man normalerweise in Videos, die schon im Vorfeld die Erwartungen herunterschrauben: "Don't be too hard. It's my first video."

 

Mara Mattuschka und Chris Haring sind dieser Kategorie schon entwachsen, bevor sie es überhaupt gegeben hat. Die allgemeine salonfähige Hybris aus dem Pressetext wird zu Anfang von Perfect Garden durch Understatement eingefangen. Ins Gleichgewicht kommt der Film dennoch nicht. Aufwühlend, aufkratzend und verstörend ist der 80-minütige Einblick in das Leben und Wachsen des Biotopes, das innerhalb der Wände eines Bordells pulsiert. Nach Gleichgewicht schreit da kein Mensch mehr.

 

Der Film ist die Frucht der langjährigen Zusammenarbeit von Mara Mattuschka mit Chris Haring und der Performancegruppe Liquid Loft. Die dreiteilige Reihe Perfect Garden liefert die Grundlage. Szenen, die bereits aufgeführt wurden oder für die Aufführungen geprobt, aber verworfen wurden, gliedern sich in eine mehr als triviale Geschichte eines Bordells ein, in dem ein Mafiosi die Quelle zum schnellen Geld sieht. Perfect Garden will nicht durch die Narration bestechen, sondern viel mehr durch das, was sich um eine solch einfach gestrickte Geschichte entwickeln kann. Das geht so weit, dass man sich nach wenigen Augenblicken in einer "hypnotischen Traumwelt" befindet, fernab jeglicher räumlicher Logik. Mattuschka und Haring ordnen die Körper so bewusst im Raum an als würden sie ein Brettspiel spielen. Und von einem zum nächsten Moment kann man sich etwas unter "perfekt choreographierte(m) Körperspiel" vorstellen. Durch den gezielten Einsatz von überspitzen Rotlicht-Gangster-Klischees wird die ganze Szenerie ironisiert, wirkt aber auf Grund des ästhetischen Körpereinsatzes und das Aneignen der Sprache niemals klischeeartig.

 

Wie in Legal Errorist aus dem Jahr 2005 verwischt Schauspielerin Stephanie Cumming mit ihren improvisierten Sprachkaskaden die Grenze zwischen Wirklichkeit und den technischen Möglichkeiten, die die Nachbearbeitung bietet. Der Film wurde in wenigen Tagen mit einem Budget von 5500 € realisiert. Das war nur möglich, weil das Team um Mattuschka und Haring seit Jahren eingespielt ist. Besonders die Kameraarbeit von Sepp Nermuth hebt den Film von vielen anderen – mit Spiegelreflexkameras gedrehten – Filmen ab. Nicht nur der Winkel, die den Blick auf das Geschehen wirft (beispielsweise von unten durch ein Whiskeyglas), sondern auch die Kadrierung ist außergewöhnlich. Oft muss der Zuschauer mit Informationen von fünf Ebenen gleichzeitig fertig werden. Eine willkommene Reizüberflutung, eingetaucht in perfektes Licht, das so gesetzt wurde, als wäre auf Zelluloid gedreht worden. Die Optik wird durch den Surf-Rock Gitarrensound von Andreas Berger verstärkt, was in Verbindung mit der Gangster-Story an Tarantino erinnert. Dass der Film unter der Kategorie Innovatives Kino auf der Diagonale 2013 präsentiert wurde, verfehlt trotzdem nicht seinen Sinn.

 

Durch die Werke von Mara Mattuschka zieht sich ein roter Faden, nämlich der Versuch das Unsichtbare, das heißt das Innenleben und die Gefühlswelt einer Person, auf die Leinwand zu bringen. Aufgrund der Zusammenarbeit mit Schauspielern, die dieser Herausforderung gewachsen sind, und das Zusammenspiel von Hör- und Sichtbarem gelingt ihr das in Perfect Garden. Ein Statement für den Antivoyeurismus: sinnlich, aber niemals vulgär. Ob er Film wirklich ohne Moral ist, darüber lässt sich streiten, voller aufkratzender Poesie ist er in jedem Fall.