Indianerspielen und Pornobilder kletzln (Diagonale 2014)

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Eine Filmkritik von Simon Baumann zu Himmel oder Hölle, Regie: Wolfgang Murnberger, AT 1990.

 

Bis 100 Wolfi!,…. bis 100 Wolfi!

 

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"Wer tot ist zählt bis 100, oder betet ein Vater Unser, das dauert nämlich ungefähr gleich lang, dann darf man wieder weiterleben." Diese und noch viele andere Weisheiten zeugen von dem erlebnis- und fantasiereichen Kindheitstagen Murnbergers. Das autobiografische Werk zeigt liebevoll die Wirklichkeit eines jungen Burschen und dessen Erlebnisse im Alltag, ganz gleich, ob sie ihn in den Himmel oder in die Hölle bringen. Egal ob Indianerkrieg mit Anspielungen an Sergio Leone Filme, blutige Schlachthausszenen oder Arbeitsalltag im Kino, Murnbergers Vergangenheit zeugt von Vielfältigkeit und Freiheit. Es geht um Krieg, Tiere, Tod, Leben, Natur, Kino, Sexualität, Religion und,… Pornos die Bandbreite an Themen ist groß.

 

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Das Kino spielte in Murnbergers Vergangenheit eine große Rolle, da seine Eltern das Dorfkino betrieben. Gleich zu Beginn wird das Manifest des Films in einem Satz konstituiert: "Vü 1000 klane Büda, hinteranonda auf longen glechatn Strafn, auf 5 Roin aufgwickelt und eipockt. Des is Füm."

Die Einwirkung von Erziehung und Erlebnissen auf die Handlungen des jungen Wolfi spiegeln sich in verschiedenen Bereichen wieder. Die Übernahme von Werten, Normen und Regeln der Erzieher wird immer wieder angedeutet. So wird ein Rinderauge aufgeschnitten, um zu Prüfen ob wirklich das letzte Bild, das ein Lebewesen sieht, im Auge erhalten bleibt. Ebenso wird im Nachhinein noch ein frisch aufgeschnittenes Brot gesegnet um dem an der Wand hängenden Bild mit dem betenden Kind vor einem Laib Brot gerecht zu werden.

 

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Dieser Film ergibt eine Komposition von authentischen Erinnerungsfetzen, welche teils in schwarz/weiß und teils in Farbe gezeigt werden. Die Grenze zwischen Realität und Traumbildern verschwimmt. Einprägsame Bilder wie der sanfte Ausschnitt der Musiklehrerin und das tiefrote Blut der geschlachteten Sau sind hierbei meist in stechende Farben gehüllt.

Gesichter der Erwachsenen werden nie gezeigt und so spürt man das vermutlich damals herrschende, strenge Autoritätsverhältnis zwischen ihnen und den Kindern. Dieses drängt Wolfi auch dazu immer wieder die Grenzen seines Handelns auszureizen, indem er heimlich im Kino Pornobilder de-zensiert um die "schenen Duttln" der Darstellerinnen zu betrachten,… aber ja nicht den Klebestreifen zu schnell abziehen!

 

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Liebevoll zeigt dieser Film die Eindrücke eines naturverbundenen Kindes, welches sich nie scheut hinzuschauen und stets seinem Verlangen und Impulsen freien Lauf lässt. Wer diesen Film sieht wird sich vermutlich in dem kleinen Wolfi wiedererkennen und in eine Zeit zurückgeworfen, in welcher man die Welt noch mit den instinkthaften und lebendigen Augen eines Kindes wahrnahm.