Ich bin dann mal weg! (Diagonale 2014)

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Eine Filmkritik von Marlies Klinglhuber zu Kick out your boss, Regie: Elisabeth Scharang, AT 2014.

 

Wer sich unter dem Titel Kick out your boss ein Modellbeispiel für Selbstständigkeit erwartet, der sei vorgewarnt. Was uns hier als Dokumentarfilm entgegentritt will keine Anleitung zur erfolgreichen Selbstvermarktung, sondern eher ein Anstoß zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Tun sein. Regisseurin Elisabeth Scharang nimmt drei unterschiedliche Projekte in Augenschein, die mit scheinbar utopischen Vorstellungen ihren Platz im kapitalistischen System behaupten. Wir begegnen Menschen, die einen alternativen Blick auf ihre Arbeitsprozesse werfen, die die Doktrin eines Systems der Unterwerfung des Individuellen hinterfragen wollen. Klingt doch eigentlich verständlich. Doch kann der Versuch ein System von innen zu verändern gelingen?

 

Drei unterschiedliche Betriebe stellen ihr Konzept zur Schau. Solidarität, Basisdemokratie und individuelles Engagement bilden die Bausteine dieser neuen Wirtschafts- und Arbeitslogik. Auf Effizienz und reine Gewinnmaximierung gerichtetes Arbeiten läuft diesem Gedanken ebenso zuwider, wie konstante Ausbeutung des Einzelnen. Basisdemokratisches Arbeiten erfordert Zeit, viel Zeit, und den Willen zur Auseinandersetzung mit anderen Ansätzen und Bedürfnissen. Lösungen werden oft erst nach mehreren Anläufen gefunden. Zum Teil wird konsensual entschieden, andernorts mehrheitlich abgestimmt, aber dafür von allen am Prozess Beteiligten. Kann die bloße Möglichkeit der Mitsprache Hierarchien abschaffen, oder flacht sie diese nur ab? Kann konsensuales Arbeiten innerhalb eines Betriebes funktionieren? Fragen, die die Protagonisten der Betriebe En Garde (Graz), SEMCO (Brasilien) und Jugoremedija (Serbien) vielleicht nicht jeden Tag mit einem klaren "Ja!" beantworten würden, aber zumindest gehen sie dieses Experiment ein. Sie wollen ihren Arbeitsplatz ein klein wenig sozialer gestalten, Strukturen aufbrechen und individuelles Vermögen nutzen, anstatt blindlings Kapital anzuhäufen. Die Wege, die die einzelnen Protagonisten dabei einschlagen sind durchaus verschieden. Regisseurin Elisabeth Scharang verflicht die einzelnen Ansätze völlig wertungsfrei ineinander und setzt damit ein Zeichen gegen die global zu betrachtende Tendenz zur Vereinheitlichung von Methoden.

 

Doch auch im Namen der Eigenermächtigung geschaffene Strukturen können ihren Tribut fordern. Das Engagement für eine Idee geht nicht minder oft auf Kosten der eigenen Energie, und damit auch der Familie und dem erweiterten sozialen Umfeld. Unverblümt erzählen etwa die Kinder einer Arbeiterin, dass sie stolz auf ihre Mutter seien, aber in ihrer Kindheit bedauerlich wenig von ihrer Person gehabt hätten.

 

Es ist also eine Kunst, sich einerseits nicht dermaßen regieren zu lassen, und sich zum anderen nicht selbst für eine Idee aufzuopfern. Aller Anfang ist schwer. Aber einmal damit begonnen, kann selbst ein Scheitern als produktive Kraft betrachtet werden. In diesem Ansatz liegt wohl eine der Stärken dieser lebensbejahenden Dokumentation der etwas anderen Art.