"I will marry you tonight!" (Diagonale 2013)

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Eine Filmkritik von Stefan Schweigler zu A Messenger from the Shadows (Notes on Film 06 A/Monologue 01), Regie: Norbert Pfaffenbichler, AT 2012.

 

Found-Footage-Material aus fast fünfzig Streifen der Zwanziger wird in der ersten Einstellung des Films Weiß auf Schwarz angekündigt. Ein Schauspieler, Lon "The Man of a Thousand Faces" Chaney werde in seinen diversen Rollen zu sehen sein. Der Film stelle eine Re-Montage dar. Dann steht plötzlich alles temporeich im Zeichen der Erhabenheit, wenn das Orchester einsetzt (Suspence, Grusel, Semi-Atonalität im Crescendo), wenn die ersten schnell geschnittenen Aufnahmen zu sehen sind (Naturpanoramen, tosende See, Gewitterwolken), wenn die Credits hart dazwischengeschnitten werden (A Messenger from the Shadows).

 

Durch den Titel und die Dramaturgie der ersten Sequenz des Films fräst sich eine inhaltlich noch vage aber zugleich doch in gewisser Weise dominante Lesrichtung eine Schneise zwischen Film und Interpretation. Kurzum: Medienreflexion ist offensichtlich am Gebot.

 

Auch der sechste Teil in Norbert Pfaffenbichlers Reihe Notes on Film soll unzweideutig eine Matrix sein, durch welche auf die Historizität des filmischen Bildes, durch welche auf genregeschulte Sehkonventionen und durch welche auf das Potenzial einer dem Film genuinen – Kuleschow und Eisenstein in Ehren – intellektuellen Montage zu blicken ist. In der Grammatik der filmischen Rede ist es Pfaffenbichler nun mal möglich, den Schauspieler Chaney mit sich selbst interagieren, behufs Zwischentitel sogar verbale Dialoge führen zu lassen; in Kapitel gegliedert, bald dem Horror, bald dem Konflikt, bald der Liebe, bald der Action, bald dem Wahnsinn gewidmet. Der Filmemacher wird zum Nekromanten, der die gestisch wie optisch reichlich divergenten Rollen von Chaney durch eine rhapsodische Szenenfolge dirigiert. Ein Reigen aus defibrillierten Schatten der Vergangenheit, der zugleich eine ganz eigentümliche Aktualität hat. Denn digitale Bildstörungen und andere verpixelte Hänger huschen durchs Geschehen, datieren und thematisieren auf diesem Wege beiläufig die Ontologie dieses Mash-Ups.

 

Pfaffenbichler macht damit unverschwiegen, woher ein mittelloser Experimentalfilmemacher jene Chaney-Filme bezieht, die er nicht in Form einer qualitativ hochwertigen Filmarchiv-DVD erhalten konnte: aus dem Netz. Wann immer die digitale Störung eine konvexe Blähung der Leinwand suggeriert, entsteht momentartig der Charakter einer filmischen Assemblage. Paradox anmutend haben es bereits einige Chaney-Filme tatsächlich geschafft, nur mehr auf YouTube und überhaupt nicht mehr auf Zelluloid zugänglich zu sein. Ein irreversibler Medienwechsel wie er im Buche steht.

 

Aber mal ganz abseits von Metadiskursen: Was lässt sich noch beobachten? Oder anders gefragt: Was ließe sich zuerst beobachten, wenn da nicht die Konzeption der Reihe und ein bedeutungsschwerer Titel Weichen gestellt hätten? Allem voran wohl ein Schauspieler, der von veristischen bis komödiantischen Subjektkonstitutionen, von Rollen der Macht bis zu solchen der Ohnmacht, von der Hosenrolle bis zum Figurentheaterspieler, von Instanzen der Ratio bis zu jenen des Wahnwitzes einen bizarren Spagat hingelegt hat. The Twentieth Century Curiosity fungiert als Vehikel, das eine analytische Bestandsaufnahme männlichen Gestenrepertoirs einer Dekade veranschaulicht, sowohl auf die größtmögliche Varianz als auch auf die Grenzen einer Palette verweisend. Im Kino der 1920er gab es z.B. Platz für einen dezent androgynen Chaney, ebenso wie für einen humoristischen Cross-Dressing-Chaney, nicht aber für einen Männer liebenden Chaney. Die vermeintliche Vielfalt von tausend Gesichtern wird so zugleich zum gelungen ironischen Zeugnis einer Monotonie im Stereotypenkatalog der Filmindustrie. Mit dieser zweiten Lesart von A Messenger from the Shadows, einem Queer-Reading sozusagen, ist es möglich, Pfaffenbichlers Re-Montage als ein Prisma zu sehen, das die filmischen Projektionen männlicher Schauspieler-Identitäten des Stummfilms ganz distanziert in seine Fassetten bricht: Ein Graustufenregenbogen wird sichtbar, leicht abwechslungsreich und doch deutlich beschränkt auf die Bestätigung heteronormativer Gesellschaftsentwürfe.

 

Das Nicht-Verfilmte kritisiert einmal öfter das Verfilmte, wenn Pfaffenbichler behände eine schizophrene Romanze zwischen zwei Chaney-Rollen montagiert, die im Kino der Zwanziger so nicht vorgesehen war. "I will marry you tonight!" – das Queer Cinema der Stummfilmära als ahistorisches Gedankenexperiment.