"I remained blurry" (Diagonale 2013)

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Eine Filmkritik von Elisabeth Stecker zu Achill, Regie: Gudrun Krebitz, DE 2012.

 

"Das ist alles abfotografiert mit einer HD-SR Kamera – was auch immer das heißt", sagt Gudrun Krebitz ehrlich und unprätentiös. Ihr Film Achill lief soeben in einem Kurzfilmprogramm der Diagonale 2013 unter dem Titel Innovatives Kino. Nicht digitale Raffinessen stehen bei Achill im Vordergrund, sondern das Handgemachte, analoge Animationen von Bildern, die für den Stop-Motion-Prozess nicht gleichmäßig ausgeleuchtet worden sind und schnelle Skizzen, die enigmatisch und trivial zugleich wirken.

 

Die Bilder ihres Filmes wechseln zwischen einer Art Skizzen- oder Beinahe-Tagebuch und übermalten Fotografien. Vielleicht erzählt der 9-minütige Film die Geschichte von einer Frau, die einen Mann in einer Bar trifft, vielleicht ist es eine Selbstbeobachtung oder eine Auslieferung des Selbst an die beobachtende Umgebung, vielleicht der Sprung, Kopf voraus, durch das Skizzenbuch in das Innere der Frau. Diese offenbart sich durch Text und Bild und bleibt trotzdem verschwommen – nie erfahren wir die ganze Geschichte, nie zeigen die Fotos das komplette Gesicht. Die verwendeten Fotografien wurden nicht nur durch die Animation an sich verändert: Einmal sind Teile des Bildes übermalt, einmal verdeckt ein verschwommenes weißes Etwas zwischen Kamera und Fotografie das Gesicht der Frau, es wird so unscharf und erscheint überbelichtet.

 

Der Ton treibt das Bild und die Zuseher voran, im Takt flackern die Bilder. Die Musik von Marian Mentrup schreitet voran, einmal im Gleichschritt mit dem Bild, dann lauert der Ton in einer kurzen Pause, um gleich eines schnellen Herzschlages wieder einzusetzen. Die weibliche Erzählstimme spricht im Gegensatz dazu ganz ruhig, nahezu emotionslos. Sprache und Geräusche, sagt Gudrun Krebitz, bilden das Rückrat der Erzählung. Sie berühren die Bilder stichpunktartig und halten alles zusammen, indem sie Stimmungen gliedern, trennen und färben. Zwischendurch meldet sich eine höhere Stimme, eine Kinderstimme, zu Wort. In einer anderen Arbeit Krebitz', I know you, ist das Kind die Hauptfigur. Die Kinderstimme erzählt in dieser Arbeit aus dem Jahr 2009 von Vergessen und Angst, Angst vor dem Vergessen, vor schwarzen Hunden und Walen. In Achill scheint sich ein Zwischenraum zu eröffnen, der das Kindsein noch nicht ganz ausgesperrt hat und in den die erwachsene Frau noch nicht vollends eingetreten ist.

 

You're difficult to talk to – ein Satz der immer wieder in und neben den Arbeiten von Krebitz zu lesen und zu hören ist. You, ist das die Frau selbst oder das verheißungsvolle Andere, das vielleicht in der Bar auf sie wartet? Oder ist es die Umgebung in der das Ich verschwommen und unverstanden bleibt? Junge Frauen sind die Hauptdarstellerinnen in Gudrun Krebitz' Arbeiten. Frauen mit langen Haaren, die ihnen über ihre Gesichter hängen und sie zu anonymen Schablonen werden lassen, Frauen die schnell abgezeichnet, oder fotografiert und übermalt werden. Kaum einmal ist es nur das reine Abbild einer Frau und das möglichst realistische Wiedergeben einer körperlichen Hülle. Es scheint, dass das Ich nie ganz greifbar wird, dass es sich nie einfach nur in einer Spiegelfläche zu erkennen gibt und durchschaubar wird für sein nicht-gespiegeltes Gegenüber. Vielleicht ist es diese gebrochene Spiegelung, die Achill nicht zu einer narzisstischen Selbstausstellung, sondern zu einer poetischen Selbstreflexion werden lässt.