Hingehen ohne weg zu sehen (Diagonale 2014)

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Eine Filmkritik von Katharina Schöller zu Tibet Revisited, Regie: Manfred Neuwirth, AT 2005.

 

Wer glaubt, dass er von Manfred Neuwirth, dem österreichischen Dokumentarfilmer, eine farbenfrohe und leichte Reisedokumentation serviert bekommt, wird in seiner Erwartung bitter enttäuscht werden. Wer sich dennoch den 28 Szenen des tibetischen Alltags hingibt, wird dafür etwas anderes erhalten, nämlich einen tiefen Einblick  in eine Kultur, die sich im diktierten Wandel befindet.

 

Das für die Arbeit Neuwirths typische Konzept, zeigt sich in der starren Kamera und der exakt gleichen Einstellungsdauer der Szenen von 3 Minuten, die unkommentiert bleiben. Er behandelt alle Szenen gleichwertig und lässt sie für sich selbst wirken. Dabei sind die Bilder nie illustriert, sondern kommen aus dem Off. Bewegungen und Menschen treten in das Bild ein, und treten aber auch wieder aus. Dieses Verfahren legt offen, dass die Szenen für sich selbst unterschiedliche Intensität erzeugen, dabei erscheinen manche  kurzweiliger als andere.

 

Mit den Bildern reist man als Zuschauer in das Tibet von 2004. Die Szenen sind geprägt vom Gegensatz der traditionellen tibetischen Kultur und der Moderne des Westens, die nun auch Tibet erreicht hat. Während man in einer Einstellung noch sieht wie auf traditionelle und einfachste Weise ein Lehmhaus errichtet wird, betrachtet man in einer darauffolgenden, wie sich Tibeter in ihrer Freizeit auf einer Rollschuhbahn, die mit Popmusik bespielt wird amüsieren. Im letzten Bild ist man Fahrgast einer rasanten Autofahrt, die ebenfalls durch, aus dem Autoradio krachender Popmusik begleitet wird und einem mit dem Gefühl des schnellen Fortschritts aus dem Film entlässt.

 

Manfred Neuwirth verrät in einem Publikumsgespräch, dass die Szenen dabei einer Dramaturgie folgen. Naheliegend ist die Dramaturgie eines Reisenden der etwas anders vorfindet als er eventuell erwartet hat.

 

Neuwirth räumt der tibetischen Kultur durch diesen Film 86 Minuten in unserem Bewusstsein ein. Im Gegensatz steht dieser Film zur Medienzensur Chinas, die kritische Berichterstattungen, oder überhaupt Meldungen aus Tibet unterdrückt. Nach dem Massaker von 1959 bei dem mindestens 86.000 tibetische Mönche und Zivilisten getötet wurden und  Bilder dieses Tat durch die Welt kursiertet, erschien China mit seiner Politik, in einem brutalen, faschistischen Licht. Berichterstattungen über die Politik und die Zustände in China und Tibet entfliehen seit dem kaum an die Weltöffentlichkeit. Nur 2008 gelangten einige ungenaue Informationen über Unruhen, die Todesopfer auf Seiten der tibetischen Zivilbevölkerung zur Folge hatten, an die Öffentlichkeit.

 

In den Bildern die Neuwirth präsentiert, werden Sentimentalität und vorgefasste Meinungen jedoch ausgespart. Durch die Einstellungsdauer wird man gezwungen, sich mit dem Alltäglichen und vermeintlich Unspektakulären einer Kultur auseinander zu setzen, anstatt sich oberflächlich mit der Romantisierung einer Kultur in einem wonnigen Bewusstseinsschlaf zu versetzen.