Gedicht in Bildern (Diagonale 2012)

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Eine Filmkritik von Marlene Groihofer zu Aun – der Anfang und das Ende aller Dinge, Regie: Edgar Honetschläger, AT/JP 2011.

 

Der seit zwanzig Jahren in Japan lebende, Linzer Regisseur Edgar Honetschläger führt den Zuseher in seinem Film Aun – der Anfang und das Ende aller Dinge in eine märchenhafte Traumwelt. In einem Japan, in dem Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart längst eins geworden sind, konfrontiert er ihn mit einem Plot, der weder wirklich zu begreifen, noch leicht zu erklären ist.

 

Der Vater des jungen Protagonisten Aun stirbt beim Versuch eine Wasserverbrennungs-Maschine zu bauen, um die Menschheit zu retten. Zwanzig Jahre nach seinem Tod nimmt ein anderer Wissenschaftler diese Arbeit erneut auf und macht sich gemeinsam mit einer jungen Frau auf die Suche nach Aun – denn er ist der einzige, der wichtige Informationen dazu liefern kann.

 

Möchte man diesen Film visuell beschreiben, ist bildmächtig wohl einer der ersten Begriffe, der einem in den Sinn kommt. Er wollte ein "Gedicht aus Bildern" machen, sagt Edgar Honetschläger über seine Arbeit – und das ist ihm auch gelungen. Farbige Moleküle tanzen unter dem Mikroskop, Blut fließt in Zeitlupe durch die Adern, die U-Bahn fährt durch eine leere sonnendurchflutete Stadt – selbst der Tod ist in Aun in wunderschönes Rot getaucht. Doch die Bilder breiten sich mit großer Schwere über dem Kinopublikum aus. Irgendwann werden sie zu schwer.

 

Mysteriöse Begegnungen mit Waldfeen und Toten stehen in Aun – der Anfang und das Ende aller Dinge ebenso an der Tagesordnung wie Geisterstädte oder Türen ins Jenseits. Der Shintoismus spielt darin außerdem eine wichtige Rolle.

 

Bedeutungsschwanger ist ein weiteres Wort, das gut auf diesen Film passen würde. Jede Geste, jede Bewegung und jeder Flügelschlag scheint unglaublich viel Gewicht zu haben. 100 Minuten dauert dieser Film – gefühlt doppelt so lang. Vielleicht ist es das langsame Tempo, in dem die Geschichte erzählt wird, vielleicht spürt man auch, dass die Handlung sich über Jahrzehnte zieht.

 

Was auffällt ist, dass Sprache als Informationsmedium nur eine untergeordnete Rolle spielt: Wenn überhaupt etwas gesagt wird, dann sind es meist sehr langsame Sätze – fast scheint es dabei mehr um den Klang der Worte zu gehen, als um ihren Inhalt. So sind am Ende des Filmes Samen und Bewegung die Lösung für das, wonach den ganzen Film lang gesucht wird – worum es sich dabei allerdings genau dreht, bleibt rätselhaft. Man steht mit Aun vor der Wahl, sich in die starken Bilder fallen zu lassen. In jedem Fall aber bleibt der Film ein melancholisches, intensives und teilweise verstörendes Kinoerlebnis.