Studien zum Untergang des Abendlandes

Wuchernde, improvisiert anmutende, Klavierstücke kontrollieren die Ausleuchtung jedes einzelnen Kaders. Das Bild beugt sich dem Ton, die Landschaft beugt sich dem Bild. Sie dreht sich, windet sich, wabert in der intonierten 8mm-Aufnahme. Sie entkommt der Macht vom Zelluloid nicht. Das Zelluloid entkommt dem Ton nicht. Nicht einmal Wyborny selbst kann sich der Macht des Klaviers entziehen; er unterwirft sich, wird zum Sklaven und schneidet so wie die Musik es von ihm verlangt. Ein achtzig Minuten langes Klavierstück. Ein Musikstück, das beim Zuseher den Begriff des Körperkinos provoziert. Nicht das diegetische Körperkino, wie es etwa David Cronenberg in der Populärkultur etabliert hat, sondern des Rezipienten-Körpers, exakter das Auge, wird zur Angriffsfläche. Untergang des Abendlandes haftet zwar weder Aggressivität an noch werden wir bedroht, dennoch Spüren wir das hastige Justieren unserer Pupille. Hell, dunkel, hell, dunkel im Sekundentakt. Eine fast schon sportliche Höchstleistung die unser Auge erbringen muss.

Inhaltlich hält Wyborny nur Assoziatives bereit, selbst der reißerische Titel gibt einem kaum Hinweise zum Inhalt. Dass er mit dem Wort Untergang so plakativ und verschwenderisch umgeht mag daran liegen, dass es sich im Laufe des Films negiert. Kein Untergang in Sicht. Auch kein Abendland.

Das Screening im Rahmen der Viennale 2010 ist die Uraufführung des Werks, welches nur ein Teil eines acht Werke umfassenden Gesamtkunstwerks ist. Meilenweit entfernt von jeglicher Ähnlichkeit zum Mainstream oder dokumentarischen Arbeitens bewegt sich Wyborny mit seiner Bilderoper ohne Schauspieler oder Dialog im frei assoziativen Raum. Versuche eine Erklärung zu finden, können nur scheitern. Dampfende Kühltürme von Atomkraftwerken und rauchende Schlote im Industriegebiet mögen eine gewisse Bedrohung ausstrahlen, sind aber für Untergangstheorien wohl etwas zu seicht gegriffen. Auch der starke Einsatz der Farbe Rot evoziert die Verbindung zur Bedrohung, reicht aber nur die Aufwühlung der schnellen Schnitte zu intensivieren. Eine Antwort, einen konkreten Hinweis, bleibt uns Wyborny bis über das Ende hinaus schuldig. Zum Glück. Jede konstruierte Interpretation könnte die Würde dieser Arbeit beträchtlich schmälern.

Klaus Wyborny gibt uns neben der Musik nur eines. Die Realität. oder zumindest Abbildungen davon. In höchster Dichte schickt er uns auf eine Weltreise, die keine sein muss. Es könnte alles an einem Ort gefilmt worden sein und wir würden oder müssten es ihm glauben. Wir gehorchen Wyborny. Wir gehorchen seinem Schnitt. Wyborny gehorcht der Musik.

Veröffentlicht am 25.02.2011