Kaleidoskopisches Instrument Kamera: Collage einer westlichen Welt

In Erwartung eines Musikfilms ohne Sprache in fünf Akten verdunkelt sich der Saal.
"In wenigen Sekunden blitzt mehr sogenannte Wirklichkeit auf, als anderswo in ein paar Stunden Film." heißt es in der Viennale-Ankündigung der Uraufführung von Klaus Wybornys Film Studien zum Untergang des Abendlandes.
Die ersten Bilder erscheinen auf der Leinwand, besser beschrieben: sekundenschnelle Diaprojektionen erscheinen aus dem Nichts. Denn als Film oder als Bild ist der rot eingefärbte Lichtimpuls, der da einen winzigen Moment über die Leinwand huscht (noch) nicht zu erkennen. Und mit dem Bild kommt die Musik. Oder besser der Ton. Denn auch als Musikstück ist am Beginn der Vorführung nichts erkennbar.

Warten auf das nächste Bild um den nächsten Ton zu hören. Warten auf den nächsten Ton um das nächste Bild zu sehen.
Hoffen auf Zeit. Hoffen auf Dauer. Hoffen auf gehaltenen Ton. Hoffen auf längere Filmsequenzen. Hoffen auf eine Möglichkeit zur Betrachtung. Erkennen Wollen des abgebildeten Gegenstandes. Hoffen auf Zeit.
Black. Wie angenehm kann Dunkelheit sein?!
Licht-Flash. Schmerz. Rot. Grelles Rot.
Die Bilder verlieren ihre Bedeutung. Keine Darstellung von Realität. Das Objekt wird zur subjektiven Projektionsfläche. Doch – zu schnell, zu dicht. Der Inhalt des Abbildes tritt hinter dem Lichtspiel zurück.
Farbe. Black. Farbe.
Black. Licht. Bild.
Black. Flash.
Diktat der Kamera. Diktat des Bildes.
Oder doch Diktat der Musik? Diktat des Tons?
Was ist das? Was hat das zu tun mit dem Untergang? Was ist da abgebildet? Was sagen Kraftwerke und Tristes über das Abendland aus?
Was macht das mit mir?
Kopfschmerz. Herzrasen. Aggression. Nervosität.
80 Minuten durchhalten?! Gehen? Bleiben?
Zuckende Bilder. Zuckende Gedanken. Keine Musik. Nur Ton. Warten auf das nächste Bild. Versuchen das Objekt zu erkennen. Versuch des Verstehens.

"Vergessen Sie den Titel – lehnen Sie sich zurück und genießen Sie die Synchronität von Ton und Bild." – Die Worte der Einführung durch den Regisseur persönlich schwingen leise im Raum.

Selbstversuch I: Entscheidung zum Handeln.
Blick auf die dunkle Wand neben der Leinwand. Wie ein Musiker auf seine Noten fixiert, starren ins Nichts. Wahrnehmung des Films aus dem Augenwinkel. Wahrnehmung der rhythmischen Bilder und Licht-Farbimpulse. Der Dirigent als Anhaltspunkt für Zeit, Takt und Impuls. Abkehr vom Erkennen des Bildes. Wahrnehmung von etwas anderem.
Zerrissenheit. Keine Musik. Ton. Pause. Krach. Geräusch. Lärm.
Keine Musik. Kein Zusammenhang. Wunsch nach Pause. Wunsch nach Zeit.
Wunsch nach Dauer.
Fetzen. Fetzen von Tönen, Gedanken, Bildern.
Kein ich. Kein Publikum. Keine Gemeinschaft.
Zerstückelung in Einzelteile, Moleküle, Atome.

Selbstversuch II: Entscheidung zur Selektion.
Kein Diktat. Freiheit zur Pause für die Augen. Konzentration auf die Musik. Klänge, Verschmelzungen, beinahe Melodien. Ein Zwiegespräch im Klavier – eine Konstruktion des Hörers. Dissonanzen hören, fühlen, spüren. Wahrnehmen als Ganzes. Zwölfton-Musik erfahren.
Fallen lassen. Weg von der Erwartung eines harmonischen Dreiklangs, Aufgabe des gewohnten Hörverstehens von Melodie und Tonfolge. Hören von Klang. Aufgabe in Ton. Sein im Moment, ohne Warten auf ein nächstes.
Zeit. Unendliche Wahrnehmung. Endlich Musik.
Ruhe. Trance. Meditation.

Jetzt die Entscheidung für das Bild. Das Selbstvertrauen in die eigene Wahrnehmung, die persönliche Entscheidungskraft wächst. Nicht Erkennen sondern Sehen – nur Sehen steht im Vordergrund. Die Entscheidung für das Bild ohne das Abbild. Ohne den Sinn hinter dem Bild. Pure Wahrnehmung.
Und dann die Veränderung. Keine Zerrissenheit, keine gebrochene Erwartungshaltung. Ein Kaleidoskop ständig neuer Farben und Formen. Ein Spiel mit dem Licht. Genuss des Films in seiner Komplexität.
Überbelichtung, Farbfilter, verschobene Perspektiven. Wechsel der Motive. Bilder, Formen, Licht, Dunkel. Im Einklang mit der Musik. Fast leicht. In Simultanität mit klare Gedanken und Emotionen. Die Verzerrung führt zu einem anderen Realitätsbewusstsein. Die Verschiebung zu einem Erkennen hinter den Bildern.
Nehmen wir überhaupt unsere Umwelt noch wahr? Sehen wir die verschiedenen Eigenschaften? Fühlen wir die Verschiebung des Gleichgewichts, die Überbelichtung, die Farben, das Objekt. Nicht im Film, sondern in der Realität. In unserer eigenen Wirklichkeit, in unserem Alltag, unserer Stadt. In unserer Zeit, unserem Leben. Unseren letzten 20 Jahren! Die Geschichte hinter dem Objekt. Die Ruhe an den Stränden. Die Überlagerung von Welten, Identitäten, Objekten. Den Unterschied von Künstlichkeit zur Normalität?

Ohne etwas zu wollen entwickelt sich ein Gebilde von Gedanken, Reflexionen.
Eine andere Form der Wahrnehmung ermöglicht nun der Film von Klaus Wyborny. Eine Möglichkeit zu einer Auseinandersetzung mit sich selbst und der eigenen subjektiven Sicht auf die Welt. Eine Collage von Eindrücken, verständlich als Ganzes in seiner Unterteilung, durch die ganz persönliche reflexive Erfahrungswelt.
Eine Pause vom Alltag. Von der alltäglichen Wahrnehmung und Funktionalität. 80 Minuten sind keine Ewigkeit. Aber ein Moment des Innehaltens.

Veröffentlicht am 25.02.2011