I'm still here

Das letzte Mal hat Joaquin Phoenix mit der Johnny Cash Filmbiografie Walk the Line die – filmische – Aufmerksamkeit der breiten Masse auf sich gezogen. Zwei Jahre später, 2008, verkündet der Mime bei einem Medienauftritt mit ungewohnt ungepflegtem Äußeren, er wolle seine Karriere an den Nagel hängen – und Rapper werden. Was in den darauf folgenden zwei Jahren aus seinen Plänen geworden ist bekommen wir in der Mockumentary von Casey Affleck zu sehen.

Der langsame Gang in einen tiefen Sumpf. Das Schlussbild der knapp 107-minütigen Dokumentation über den beliebten Schauspieler tut sein Übriges um den Zuseher beschämt nach Hause zu entlassen. Wurden wir gerade Zeuge des Untergangs einer in der unbarmherzigen Öffentlichkeit stehenden Person? Oder hat man uns vor Augen geführt wozu die sensationslüsterne, kritisierende, verherrlichende und fordernde Gesellschaft seit Beginn des Hollywood-Hypes in der Lage sein kann?

Geht man in den Kinosaal, ohne sich vorher Gedanken darüber gemacht zu haben, ob das Werk von Casey Affleck und Joaquin Phoenix nun Dokumentation oder Fake-Dokumentation ist, verlässt man den Selbigen mit einem unglaublich traurigen Nachgeschmack.

Es existiert neben unserer normalen und für unseren Geschmack langweiligen und armseligen Welt eine andere. Ohne wirklich zu wissen, nach welchen Regeln diese Welt existiert, hat jeder den Wunsch irgendwie dorthin zu kommen. Schaffen wir es nicht ganz dorthin, so sind wir für einen kleinen Einblick dankbar. In I'm still here wird unser Voyeurismus befriedigt. Wir erhalten Einblick in diese andere Welt. Wir sehen hinein in die Welt der Stars und Sternchen, wir sehen die leichten Mädchen, Partys, Exzesse um uns sagen zu können "Genau so habe ich mir das vorgestellt! Haben die es nicht gut?" Haben sie nicht.

Das wilde und ungepflegte Aussehen des Schauspielers unterstreicht seine radikale Entscheidung, dem Blitzlichtgewitter der Filmindustrie entfliehen zu wollen. Die Konsequenzen aus dem Unglücklichsein zu ziehen und endlich das zu tun, was man wirklich will, woran man glaubt. Der unerschütterliche Glaube an sich selbst und seine Karriere als Rapper berührt. Die grotesken Worte und Klänge, die Phoenix in seinem Tonstudio ernsthaft und von sich überzeugt aufnimmt, die Versuche damit bei Größen der Rapindustrie zu punkten lassen einen schmunzeln. Die misslungenen Hip-Hop-Battles lassen uns fremdschämen und verzweifelt Phoenix dann offen vor der Kamera, wimmert in seine Trainingsjacke: "I fucked up my life" steigt Beklemmung und Mitleid im Inneren hoch. Dass er trotz allem unbeirrt festhält an seinem Plan glücklich zu werden, erzeugt dann wieder Bewunderung für die scheinbare Unerschütterlichkeit dieses Menschen und man wünscht sich, dass er endlich begreift, dass Rappen nicht wirklich zu seinen Stärken zählt. Der große, vorprogrammierte Zusammenbruch ist absehbar und als er dann da ist, und die Flucht in die Heimat mit dem langsamen Gang in einen tiefen Sumpf endet, ist es wiederum die Scham die überwiegt. Scham für sich selbst und alle anderen. Und man stellt sich die Frage, ob man nicht doch besser in seiner normalen Welt aufgehoben ist.

Veröffentlicht am 25.02.2011