Filme von Siegfried A. Fruhauf
Das Programm Filme von Siegfried A. Fruhauf besteht aus folgenden Filmen:
Realtime (A 2002)
Einmal ungeblendet und ohne zierende Landschaft die Sonne aufgehen sehen: Langsam zieht vom unteren Bildstrich als medialer Horizont eine grünliche Sonne auf, flirrend, um sie nur Schwärze, eine kalte Königin über die Nacht, die sich auch gerne verhüllt. Der Tag bringt ihr Wolken, die sich vor sie schieben, gespenstisch und doch heimelig. Sie wird weiterleuchten in unschaubarer Ewigkeit, die man zumindest eine kurze Zeitspanne lang erahnen konnte. Realtime ist ein schmuckloses Gedicht an die Lichtgestalt und die filmische Sprachtechnik, die sie sichtbar in die Zeit bannt.
La Sortie (A 1998)
Aus dem fünfzig Sekunden kurzen La Sortie de l'usine Lumière à Lyon (1895) der Brüder Lumière, dem ersten Film der Kinogeschichte, gestaltet Fruhauf einen konzeptionellen Bildersturm. Nicht nur maximiert er, eine Sequenz wiederholend, die Geschwindigkeit nach und nach, was erst zu chaplinesken Effekten, dann zu MTV-Hektik führt. Er setzt mittendrin auch das vertraute Schwarzweiß des Originals invers und leitet so einen Prozess der Abstraktion ein. In ihm wird der Blick befreit, Menschen lösen sich zu Schemen auf, die Szene verwandelt sich in Loops mit Gemäldecharakter, der Ausgang – ist der Eingang in die Kamera.
Exposed (A 2001)
Eine der schönsten Arbeiten von Fruhauf widmet sich der Intimität des Blicks und der hypnotischen Wirkung des Voyeurismus. Über eine Found Footage Szene, in der ein Mann durch ein Schlüsselloch eine Frau beim Tanzen beobachtet, legt Fruhauf kleine Frames, die wie Seifenblasen auf der Bildoberfläche tanzen, die Blicke fragmentieren, verhindern und lenken, Neugier, SehSucht wecken. Entrücktes Gemurmel auf der Tonspur steigert die sehnsüchtige Intimität der sich wiederholenden Szenerie. Immer mehr spielerisch bewegte Frames lassen nur mehr wenig Sehen zu, während das magisch auf die Leinwand geworfene Geschehen längst schon eigene Filme im Kopf evoziert.
Mirror Mechanics (A 2005)
In seiner Komposition vielleicht Fruhaufs musikalischster Film: Die Aufnahmen einer Frau, die sich im Spiegel betrachtet, werden in der Mittelachse gespiegelt, was zur Illusion einer mehrperspektivischen Selbstbetrachtung führt. Aus dem Spiegel wird Wasser, aus dem Badezimmer Meer und aus der Selbstbetrachtung ein Blick ins Ungewisse. Am Ende wird sich die Frau durch dieselbe Technik der Mittelachse nicht im Spiegel oder im Wasser, sondern scheinbar von Frame zu Frame selbst betrachten, ohne sich zu sehen. Nicht das Illusionsspiel Kino, sondern seine sehnsüchtige Identifikation wurde kaum je so punktgenau visualisiert.
Blow-Up (A 2000)
Eine vielschichtige Allegorie: Während auf der Tonspur eine Frau stöhnend atmet, sieht man etwas mitten durch die Leinwand sich Schlängelndes, das auf den ersten Blick eine Luftröhre sein könnte; tatsächlich aber ein verkleinerter Filmstreifen ist. Indem dieser im Rhythmus der auf der Tonspur atmenden Frau "aufgeblasen" wird, entäußern sich auch die Bilder auf dem Filmstreifen, der sich als Übungsfilm für Mund-zu-Mund-Beatmung herausstellt, mitten drin der gierig wirkende Mund eines Mannes. Fruhaufs Version des detektivischen Blicks von Antonionis gleichnamigem Klassiker, eines seiner charmantesten und witzigsten Werke.
Structural Filmwaste. Dissolution 1 (A 2003)
Eine strukturelle Filmverschwendung – bei der Gelegenheit sei einmal auf Fruhaufs Begabung für ebenso nüchterne wie tiefgründig komische Titelsetzung hingewiesen – wird hier bei der Ablöse, der Modifikation von Film zum Video geortet: Wo Bildstrich, Perforation und Kader das Material charakterisierten und identifizierten, von Filmautoren und -theoretikern mit zahlreichen Bedeutungen versehen, wo Kratzer und Bildschnitte Spuren vergangener Projektionen auf den Kopien hinterließen, bedient sich das Video einer neuen Oberfläche: Zu anderen Spielereien einladend, mit anderen, flächigen Symbolen identifiziert und über Zeitspuren (noch) erhaben.
Ground Control (A 2008)
Die Komplexität des Verfahrens, mit dem Ground Control erarbeitet wurde, steht im Kontrast zum konkreten und schaurig-vergnüglichen Resultat. Das chaotische Weiße Bildrauschen und das zielgerichtete Gekrabbel von Ameisen scheinen etwas gemeinsam zu haben, die Bewegungsmuster wirken wie ein Perpetuum mobile ewiger Wiederholbarkeit. Ground Control nützt Videotechniken für frühfilmische Erfahrungen, spielt auf Horror- und Science-Fiction-Filme an und löst eine Assoziationskette aus, die sich zwischen Chaos und Beherrschbarkeit der Welt verliert.
Palmes d'Or (A 2009)
Anlässlich eines Festivalaufenthaltes in Cannes nahm der Filmemacher analoge Fotografien auf; 820 Bilder sind das Ausgangsmaterial für eine philosophisch-experimentelle Tour de Force an Filmmotiven, Stars und Palmen. Etwas Metallenes haftet den Schemen in rasanter Montage und vielschichtiger Collage an, wie ein Blitzlichtphänomen, «das die Ereignisse in Bruchstücke zerhackt, wie das im Film bei jeder Aufnahme gleichsam passiert. (…) Die Illusionsmaschine Kino wird wieder zur reinen Bildmaschine, die Zersetzung einer Wahrnehmung wird zum affektiven Übungsstück von Abstraktion und Erinnerung.» (Fruhauf)
Night Sweat (A 2008)
In der ersten Sequenz spannt sich ein nachtblauer Himmel über der Silhouette eines Waldes – Farben und Filmtitel lassen an Afrika denken, an flirrende Nachthitze und Schlaflosigkeit. Stampfende Sounds legen Alpträume nahe, die sich in der zweiten, fast unerträglich überreizten Sequenz offenbaren: Nächtliches Gewitter und ein Klangteppich aus Geschrei und Donner gerieren sich als audiovisuell übersetzter Nachtmahr. Ist es ein gutes oder schlechtes Omen, dass riesengroß der Mond in der letzten Sequenz aufzieht? Night Sweat ist eine narrative Glanzleistung, ein abstrakter Horrorfilm oder einfach die Verbeugung vor der Nacht und ihren Geheimnissen.
Tranquility (A 2010)
Der Traum vom Fliegen beginnt im Liegen. Wie materialisierte Sehnsucht steigt aus Kopf und Brust einer selbstvergessen versunkenen Frau am Strand dunkler Nebel, der sich in die Lüfte erhebt und den Flugzeugen begegnet. In aller Stille fliegen sie – oder stürzen sie ab, wie Träume sich verflüchtigen? Fruhauf nutzt die Materialisierungsmöglichkeiten des Kinos zu einem Traumgedicht, dessen narrativer Leitfaden die Assoziation ist. Man folgt ihr mit Bangigkeit und Freude. Wenn Nachtträume einem archaischen Visualisierungszwang erwachsen, so ist Tranquility dessen intuitive Kinoversion.
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