Fortschritt, Gegenschritt (Diagonale 2014)

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Eine Filmkritik von Sophie Eidenberger zu Volks stöhnende Knochenschau: Ungustl Atom, Regie: Bewegung 5. November, AT 1980.

 

Innovation und Fortschritt waren auf der diesjährigen Diagonale zwei Stichworte, die sich häufig im Programm thematisiert fanden. Im Kontext von damals und heute wurden sowohl gesellschaftlicher als auch filmischer Progress in unterschiedlichster Form verhandelt:

Von dem Entrée du Cinematographe à Vienne (1896) der Gebrüder Lumière im ersten Programm des Österreichischen Filmmuseums, über eine eigene Sparte namens "Innovatives Kino", die zu Diskussionen darüber einlädt, was Kino heutzutage noch "innovativ" macht und sich mehr als Sammelstelle für ansonsten schwer einzuordnende Experimentalfilme zu verstehen scheint. Beispiele für weniger objektive dokumentarische Ansätze, deren manipulative Dramaturgie mal einen üblen Nachgeschmack (wie etwa der streitbare Dokumentarfilm Everyday Rebellion (2013) der Riahi Brüder mit seiner Darstellung revolutionärer Formen von Rebellion), mal der historischen Distanz geschuldetes Vergnügen  (mit der Anpreisung ökonomischen Fortschrittes in Unser Wien (1963/64) von Hanns Matula, einer mit Heimatkitsch übersäten Ode an die schöne Stadt) hervorruft.

 

Auf ebenso unterhaltsame Weise verhandelt Manfred Neuwirth in seiner Volks stöhnenden Knochenschau zur österreichischen Volksabstimmung den Umgang der Wiener Öffentlichkeit 1980 mit dem polarisierenden Thema Atomkraft. Anders als etwa bei den Riahi Brüdern wird hier jedoch keine sehr einseitige Meinungsbildungsmaschinerie angeworfen, die dem Zuseher ihr Statement in zwei Stunden einhämmert, sondern ein strittiges Thema unter anderem in Form einer klassischen (Straßen-) Befragung von beiden Positionen beleuchtet. Vor allem in der Darstellung (und Ausstellung) der interviewten Persönlichkeiten (etwa aus der Politik) fühlt man sich stark an die Dokumentarfilmtradition eines Ulrich Seidl erinnert..

Realisiert als Projekt im Rahmen der Wiener Festwochen 1980 steht Neuwirths Volks stöhnende Knochenschau exemplarisch für den ersten Versuch zur Erschaffung einer Gegenöffentlichkeit abseits von den dominierenden staatlichen Fernsehkanälen.

So kommen nicht nur Atomkraftbefürworter wie -gegner zu Wort, wobei ein kritischer Blick auf die Schlüsselfiguren innerhalb der österreichischen Politelite geworfen wird; weiters wird der interrogative Teil des Films umrahmt von einem Straßenmusiker, der die Kärntnerstraße abgehend ein Lied gegen die Atomkraft anstimmt. Protestaktion in der Protestaktion.

 

Gerade im Festivalkontext mit zeitgenössischen Beispielen, die sich in einer wesentlich propagandistischen Tradition verorten lassen, wird das kritische Potential der Volks stöhnenden Knochenschau  nochmals deutlich.