Erinnerungsrepräsentation in Nachkriegs-Melodramen. Eine essayistische Auseinandersetzung (Diagonale 2016)

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Eine Filmkritik von Anja Kundrat zu Der weite Weg (aka. Schicksal in Ketten), Regie: Eduard Hoesch, AT 1946; und Hiroshima Mon Amour, Regie: Alain Resnais, FR 1959

 

 

Zwei Liebesgeschichten, die durch den zweiten Weltkrieg eine schwierige Reise hinter sich lassen. Hürden, die es zu überwinden gibt und eine ungewisse Zukunft. Diese Motive lassen sich sowohl in Der weite Weg als auch in Hiroshima Mon Amour als Charakteristika der Nachkriegsszenerie wiederfinden. Der größte Unterschied beider Filme besteht dabei wohl in der Art wie sie mit ihrem Entstehungsort umgehen: Während Hoeschs Melodrama  Österreich als Opfer statuiert und dabei Schuld und Beteiligung am Krieg von sich wirft, finden wir uns bei Alain Resnais Werk in einem Postkrieg- Japan wieder. Dieses hat mit schweren Wunden zu kämpfen. Bei beiden filmischen Werken bildet ein liebendes Paar in einer von Gewalt und Krieg beherrschten Umgebung den Rahmen der Handlung.

 

Der weite Weg von Eduard Hoesch (AT 1946) macht uns mit dem Titel ein Versprechen die Vergangenheit zu verarbeiten. Löst er es auch ein? Der Film agiert eher als politisches Versteckspeckspiel. Er spricht Österreich von Kriegsschuld frei. Als politische Positionierung in einem Nachkriegs-Österreich trägt er nichts zur Aufarbeitung mit den Auswirkungen der verübten Gewalt. Der Mordes-Schuld entfliehend sucht dieses Werk durch bewegte Bilder einen Ausweg aus dem zertrümmerten Österreich hin zu einer unbeschwerten Zukunft. Das kommunistisch beeinflusste Land scheint sich mithilfe des Medium Films möglichst schnell nach Ende des Krieges in einer unangreifbaren Position festzusetzen. Dies schafft es grandios in einem Fortwerfen von Verantwortung. Dieser erste Heimkehrfilm nährt sich an den Erwartungen der Filmemacher um 1945 und postuliert damit ein gutes Gewissen.  Die Mitschuld an tausenden Kriegsverbrechen wird negiert.

 

In der Anfangsszene befinden sich Gefangene in einer Baracke weit weg von ihrer Heimat. Sie scheinen bereits mit dem Krieg abgeschlossen zu haben und beteuern sie ihre Liebe zu Österreich und ihre Sehnsucht nach Wien. Nur die Österreicher werden willkommen geheißen und der Reichsadler ohne Umschweife abgenommen. Diese naive Leichtigkeit  im Umgang mit dem Nationalsozialismus zeichnet den narrativen Verlauf der Geschichte und vermittelt  Distanz und Abneigung dem tausendjährigen Reich gegenüber. Ein Neuankömmling erzählt den Sehnsüchtigen von einer Liebschaft in Wien und wie es der Zufall will, handelt es sich um die Frau eines Mitkameraden. Der Gefangene Manhardt stürzt sich nach Offenbarung des Namens seiner zurückgelassenen Frau auf den Neuen und erschlägt ihn. Dieses Vergehen wird ihm im Folgenden jedoch nicht vergolten, der Getötete war schließlich ein unmoralischer Bastard und kein aufrichtiger Arbeiter wie Manhardt. Es ist nicht nur dieses Urteil, welches in dem Film mit Vorbehalt betrachtet werden sollte. Auch werden bei der Heimreise die Strapazen der Heimfahrt auf die nervige Länge der Reise reduziert und die Schwere der Situation heruntergespielt. Nachdem die Kameraden wieder in das zertrümmerte Wien zurückkehren, zeigt sich das wohl einzig authentische Merkmal von Der weite Weg: Eine zertrümmerte Stadt, wie sie ebenfalls in zahlreichen Übergangsfilmen zu sehen ist. Der treue Heimkehrer und Moral-liebende Mann Österreichs tritt bereits am ersten Tag seiner Ankunft Arbeit an und hilft beim Wiederaufbau. Während sein Freund die gewonnene Freiheit in Genuss zelebriert, setzt sich Manhardt mit der Untreue seiner Frau auseinander. Nachdem er von einer Brücke springt, um einen Arbeiter zu retten, findet in einer melodramatischen Nahaufnahme, welche die Gesichter des Ehepaares wieder vereint zeigt, die Versöhnung der Liebenden im Krankenhaus statt. Ein Hollywood-Happy End, wie es die Filmindustrie liebt.

 

Ein deutlicher Gegensatz zur Verschleierung der Vergangenheit findet sich beim Filmbeispiel Hiroshima Mon Amour. Als einer der ersten Vertreter der Nouvelle Vague in Frankreich zeichnet sich nicht nur ein fortschrittlicher Trend in Hinsicht auf die ästhetische Gestaltung ab, auch die vermittelte Authentizität erzielt tragenden Erfolg. Die Geschichte setzt 14 Jahre nach Kriegsende in Hiroshima ein. Die erzählten Schauplätze entsprechen den Drehorten und wechseln in den Erinnerungsszenen zwischen Hiroshima und Nevers. Die tragische Vergangenheit einer verheirateten französischen Schauspielerin, die nach Japan kommt, um einen Film zu drehen, wird in einem persönlichen Gespräch mit ihrem verheirateten Liebhaber nacherzählt. Diese Erzählung webt sich wie das Unterbewusstsein selbst in die präsente Handlung ein. Das erlittene Kriegstrauma der Frau wird in Rückblenden und Jumpcuts reproduziert, welche ihr Liebesleid im zweiten Weltkrieg optisch vermitteln. Die in ihrer Heimatstadt als Kollaboratourin Beschuldigte, verliebt sich während des Krieges in einen deutschen Stationär, der schließlich von einem französischen Soldaten erschossen wird. Die Liebende wird auf Entdecken des Verrats geschoren und jahrelang in einen Keller gesperrt. Der japanische Architekt, mit dem sie in Hiroshima die Nacht verbringt, erinnert sie an jenen Geliebten und führt so die Reise zurück in die Vergangenheit und in das Trauma der Protagonistin. Das Ende dieses Liebesdramas scheint offen: Die namenlose Französin sagt, sie müsse zurück zu ihrer Familie in Frankreich, trifft ihren Liebhaber jedoch noch einmal vor ihrem Hotelzimmer.

 

Die ästhetischen Darstellungsstrategien der beiden vorgestellten Filme unterscheiden sich maßgeblich voneinander. Obwohl sich Erinnerung als Motiv in beiden Liebes-Geschichten finden lässt, zeigt sich in Der weite Weg das Trauma der Charaktere gar nicht. Während der österreichische Heimatfilm auf Verblendung aufbaut, offenbart das französisch-japanische Drama einen realistischen Ansatz mit dem Kriegstrauma visuell umzugehen. Diese grundsätzliche Opposition der beiden Zugänge lässt sich in Repräsentationsstrategien und Auslassungen wiederfinden. Hiroshima Mon Amour fungiert als Abbild des Traumas aus dem 2. Weltkrieg, welches noch Jahre später seine Spuren in den verdrängten Erinnerungen der Protagonistin hinterlässt. So schafft die Eröffnungssequenz durch die kaum erkennbaren, von Staub bedeckten Körper einen undurchsichtigen Anfang der Geschichte. Ebenso schwer begreiflich wie die ineinander geschlungenen Körper, lassen auch die Erinnerungsfetzen, welche die Französin im Laufe des Films ihrem Geliebten mitteilt, nur nach und nach ein Bild der Vergangenheit erkennen. Die ersten Worte des Films "You saw nothing in Hiroshima. Nothing" weisen bereits auf den Transformationsprozess hin.

 

In dem japanisch-französischen Melodrama von 1956 schreibt sich Verdrängung in Form von Rückblenden und Erzählungen tief in die Geschichte ein. Bei Hoesch´s Werk lässt sich Verdrängung in einem ganz anderen strategischen Mittel finden. Mit voller Wucht wird die Kriegsverantwortung durch Kommentare der Soldaten und Erzählungen des vermissten Wiens von sich geworfen. Die Verarbeitung des Erlebten wird hier auf weniger geschickte Weise umgangen. Trauma existiert nicht. Diese Lücke in der Geschichte Österreichs findet sich natürlich nicht nur in der Filmindustrie, sondern auch in zahlreichen anderen inländischen Medien zu dieser Zeit. Jedoch wird der Verdrängungsprozess in diesem Filmbeispiel besonders deutlich. Die lineare Handlung wird in eine Aneinanderreihung von übersichtlichen Szenen gegliedert und nicht durch Rückblenden auf Gewalttaten oder andere Traumata erweitert. Erinnerungssequenzen zeigen sich hier nur in Form vom erdachten Liebesszenario des Neuankömmlings in der Baracke.

 

Keine sichtbare Gewalt, jedoch die hinterlassenen mentalen Narben werden in Hiroshima Mon Amour ästhetisch und narrativ sehr deutlich. Durch zahlreiche Rückblenden und gefühlvolle Offenbarungen etabliert sich ein zergliedertes Bild von Erinnerung und dessen schwierige Reproduktion. Nur durch intime Gespräche und den Handlungsort Hiroshima als Auslöser selbst, wird der Krieges-Schmerz wieder hervorgekehrt.

 

Die Heimat als verlorene Idee einer idealen Welt wird im österreichischen Liebesgedicht an Wien sehr gestärkt. Die Gefangenen zeigen ihre Heimatliebe durch eine klare Ablehnung gegen Deutschland, dem sie ebenso wie Hitler selbst noch vor Ende des Krieges entsagen. Als wäre der Krieg eine lästige Fliege, die es schnell zu töten gilt, wird er auf die Sehnsucht nach der Geliebten und dem ersehnten Genuss von Wein und Schnitzel reduziert. Wieder in der Hauptstadt angekommen, widmet sich der Freund Manhardts dem Unterhaltungsmilieu Wiens, welches natürlich sofort nach Kriegsende wieder aufgebaut wird, zu. Als wäre nie etwas Dramatisches mit der Stadt geschehen, wird gefeiert, getrunken und neue Liebe gefunden.

 

Ganz im Gegensatz zu dieser Leichtigkeit steht die Schwere der Überwindung von persönlichem Trauma in Hiroshima Mon Amour. Das Fortschreiten ist auch nach 20 Jahren immer noch sehr schwer möglich. Die eingeschnittenen Sequenzen von der Museumsausstellung über das postatomare Elend  in Hiroshima zeigen einen harten Realismus, an den sich in Der weite Weg gar nicht erst angenähert wird. Tod und Gewalt, sowie die Verstoßung aufgrund der Einlassung mit einem Deutschen während des Krieges, prägen das tragische Schicksal der französischen Schönheit noch bis zur Gegenwart. Es bedarf eines langen Prozesses die aufgerissenen physischen und psychischen Wunden zu schließen. Die Vergangenheit prägt den Charakter der möglichen neuen Beziehung und schafft durch Erzählung Intimität.

 

Zusammenfassend können die fast 20 Jahre auseinander liegenden Filmdramen aufgrund lokaler und geschichtlicher Hintergründe schwer auf einen Nenner gebracht werden. Im Vergleich der beiden Werke lässt sich sehr gut der Unterschied in der Verarbeitung von Erinnerung anhand des Mediums Films analysieren. In der Analyse ist kritisch zu betrachten wie mit kollektiver, sowie persönlicher Schuldaufnahme umgegangen wird und gleichzeitig die Nachkriegsumgebung charakterisiert wird. Beide Filme positionieren sich, ob freiwillig oder unfreiwillig, in einer Post-Ära des Krieges und lassen sich in einem politischen Aufarbeitungskontext begreifen. Schuld, Verrat und traumatische Erinnerung, die in der weite Weg keinen Platz finden, werden in Hiroshima Mon Amour zentrales Thema und beeindrucken durch konzeptuelle und ästhetische Leistung.

 

Während Hiroshima Mon Amour also die Vergangenheit und den Schrecken des Krieges in Erinnerungsrückblenden und einem schmerzhaften Prozedere filmisch aufzuarbeiten versucht, zeigt sich Der weite Weg weniger kritisch. Gewaltverbrechen von österreichischer Seite werden ignoriert und ein Frieden-liebendes Nationalbewusstsein wird mittels Verdrängung in die Köpfe der Zuschauer gesetzt. Die Schuldfrage wird im französisch-japanischen Liebesdrama zwar weniger in den Fokus gerückt, findet in Schicksal in Ketten aber erst gar keinen Platz. Sowohl thematisch als auch filmästhetisch finden sich im Vergleich der beiden Filme gravierende Unterschiede in der Gestaltung. Während das österreichische Melodrama mehr Kraft darauf verwendet sich aus der Affäre zu ziehen, interagieren der Protagonisten aus Hiroshima Mon Amour sehr umgänglich mit der Vergangenheit.