Eine spirituelle Suche nach Fortschritt (Diagonale 2012)

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Eine Filmkritik von Lea F. Helm zu Aun – der Anfang und das Ende aller Dinge, Regie: Edgar Honetschläger, AT/JP 2011.

 

Eine surrealistische Reise erlebt man mit Edgar Honetschlägers Werk Aun – Der Anfang und das Ende aller Dinge, die sich mindestens über zwanzig Jahre hinstreckt. Zu Beginn lernen wir den kleinen Aun kennen, dessen Mutter bei seiner Geburt stirbt und dessen Vater Sekai als Wissenschaftler an einem Motor baut, der Wasser verbrennen und Energie erzeugen soll. Zurückblickend könnte man vermuten dies sei die Kerngeschichte, obwohl man sich während des Films sehr gut davon entfernen kann. Aun findet am Strand eine Meeresschnecke. Durch einen Versuch mit dieser stirbt sein Vater und lässt Aun zurück.

 

Nach einem Szenenwechsel und einem zeitlichen Sprung von zwanzig Jahren, dem man sich nicht auf Anhieb bewusst wird, versucht der brasilianische, taubstumme Wissenschaftler Euclides das Werk von Sekai fortzusetzen und schickt seine Frau Nympha nach Japan um Aun zu finden, da dieser – sowie die Schnecke – in seinen Augen der Schlüssel zum Gelingen der Erfindung ist. Oder ist es gar der Schlüssel zum Glück der Menschen?

 

Zwei Themen kommen sich im Film immer wieder nahe oder auch in die Quere. Zum einen der Fortschritt – Erfindungen für den Menschen im Einklang mit der Natur – und zum anderen die Spiritualität und der Symbolismus. Begonnen mit Sekai, dessen Namen übersetzt die Welt bedeutet und natürlich Aun, der Anfang und das Ende aller Dinge. Aun der als Protagonist im Film immer wieder neue Gestalten annimmt – ohne dass der Zuschauer dem immer folgen kann – wie die des Kindes, des Meisters der Schmetterlinge oder die des Shinto-Priesters, verweist in einer Szene auf Löwenfiguren an einem Shinto-Schrein, die die Wächter des Schreins sind und A-gyo und Un-gyo heißen. Das A steht für das Ausatmen, den letzten Atemzug vor dem Tod, Un steht für das erste Einatmen nach dem Erblicken der Welt.

Des Weiteren treffen wir auf Aun als Waldgeist sowie weibliche Waldgeister, die als kichernde Manga-Mädchen in bunter Schuluniform dargestellt werden und auch aus einem anderen Filmgenre stammen könnten.

 

Die brasilianische Nympha scheint sich ebenfalls mit der Natur zu verbünden und wird ihrem Namen treu, während Euclides, dessen Namensvetter wohl der griechischen Mathematiker Euclid von Alexandria ist, im Wald auf eine Tür stößt, die ihn offenbar ins Innere der Welt bringt und er dafür schließlich mit seinem Tod dafür bezahlen muss. Sprachlich kommt sich in Aun, trotzdem die Protagonisten sowohl japanisch und portugiesisch sprechen, niemand in die Quere, wobei – auch bedingt durch den taubstummen Wissenschaftler – generell nicht viel gesprochen wird.

 

Laut Honetschläger ist dieser Film auch eine Hommage an Professor Hideoki Kudo, Anführer der Studentenbewegung Japans der 1970er Jahre, der tatsächlich einen Motor entwickelte der Wasser verbrennt. Ein Thema das angesichts des Erscheinungsdatums des Films im Frühjahr 2011, das mit dem Erdbeben und der damit einhergehenden Nuklearkatastrophe von Fukushima zusammenfällt, höchst aktuell und brisant ist.

 

Als Fan von bedeutungsstarken Bildern kommt man bei diesem Film in jedem Fall auf seine Kosten. Seien es die Naturaufnahmen oder die Animationen von Mikro- und Makrokosmos, die eine sehr beruhigende Wirkung haben können, wenn man sie unvoreingenommen auf sich wirken lassen kann. Wer aber versucht in dem assoziativen Szenenwechsel eine Struktur oder eine logische Linie zu finden, wird von diesem komplexen Werk enttäuscht sein.