Eine Sinfonie in Bildern (Diagonale 2012)

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Eine Filmkritik von Annabella Molnár zu Capri – Musik die sich entfernt, Regie: Ferry Radax, DE/AT 1984.

 

Als der Komponist Cyrill K. auf der Insel Capri eintrifft, befindet er sich nicht nur auf einer idyllischen Kalkinsel, sondern trifft dort auf viele bekannte Persönlichkeiten, die Capri besucht haben. Cyrill setzt sich dabei sowohl mit der Geschichte der Insel auseinander, als auch mit dem Mythos von Capri, dem Jüngling Hypathos – Liebhaber von Kaiser Tiberius – der den Göttern geopfert wurde. Cyrill wird während seinem Aufenthalt und dem Komponieren in seinen Vorstellungen von diesem Jüngling verfolgt.

 

Im Film wechseln sich zwei Ebenen miteinander ab; sie beeinflussen sich gegenseitig und verschmelzen zu einem Gesamtkunstwerk. Die erste Ebene ist die der realen Begebenheiten auf Capri und die zweite ist die fiktionale Ebene, die den Inhalt der Komposition bildhaft erzählt, Cyrills Imaginationen enthält und ihn auf mythische beziehungsweise historische Personen treffen lässt. Die berühmten Persönlichkeiten unterhalten sich mit Cyrill in beiden Ebenen. Auf der Realitätsebene haben sie alltägliche Rollen: Hypathos zum Beispiel ist einerseits in der realen Capridarstellung Kellner und auf der fiktiven Ebene der zauberhafte Jüngling, der Cyrill verführt. Die historischen Figuren werden auf der fiktionalen Ebene verzerrt dargestellt; der römische Centurio spricht im bayrischen Dialekt und stellt sich somit ebenfalls als fiktive Figur heraus. Als Muse und Inspiration lässt Cyrill Capri auf sich wirken und versinkt immer tiefer in die Geschichte Capris und in die mystische Geschichte seiner eigenen Komposition.

 

Der Film weist eine Aneinanderreihung von eigenständigen Sequenzen auf, die scheinbar nur durch Cyrill als Beobachter zusammenhängen. Auf diese Weise wird ermöglicht, in der Geschichte hin und her zu springen. Einige Sequenzen sind unvergesslich, wie ein steppender Nietzsche, ein langer Tanz, bei dem die Frau altert, und der Versuch die Geschichte mit der Begnadigung von Jesus umzuschreiben, doch wird die Schrifttafel zufällig zerstört und die Kausalität unserer Geschichtsschreibung nicht gestört.

 

Nach vielen Begegnungen mit allen wichtigen Persönlichkeiten, die sich je auf Capri befunden haben, hat Cyrill genügend Inspiration gesammelt und er versinkt im Komponieren. Nun wechselt das Bild zwischen der Ebene des Komponierens, dem Kampf mit den Blättern und der Ebene des Inhaltes der Komposition. Eine wunderbare Sinfonie ist zu hören, die aus einer Collage der Werke von Mendelssohn-Bartholdy, Debussy, Rachmaninow, Rabel, Ogerman und Sibelius besteht. Diese Musikcollage ist im Film die eigenständige Komposition von Cyrill und in der Erzählung der Musik folgt Cyrill von einem Festball mit antikem Schauspiel dem Jüngling hinaus in einem Boot am Meeresufer entlang zu einer verborgenen Schlucht, wo die Opfergaben dargebracht werden. Cyrill entschließt sich selbst an Stelle des Jünglings durch seine Verführungskraft zu opfern. Mit dem Dolchstoß der Opfergabe verklingt die Sinfonie.

 

Capri – Musik die sich entfernt ist leicht und luftig, wie ein flüchtiger Traum, dessen Sequenzen von der Nächstfolgenden verdrängt werden und nicht unbedingt kausal zusammenhängen. Die beiden Ebenen des Filmes wirken harmonisch aufeinander ein und durchdringen sich gegenseitig. Musik, die sich entfernt ist das einzig greifbare Motiv. Alle anderen Gespräche, Sequenzen, Mythenverstrickungen sind so komponiert, dass sie nicht zu greifen sind und daher vom Zuschauer losgelassen werden sollen. Dann hat man das Vergnügen in den Sonnenstrahlen von Capri den davonfliegenden Notenblättern zuzusehen und die sich entfernende Musik zu beobachten.