Eine Reihe Thomas Bernhard betreffende Sätze (Diagonale 2012)

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Eine Filmkritik von Lea Felizitas Helm zu Thomas Bernhard – Drei Tage, Regie: Ferry Radax, DE 1970.

 

In einem Vorortpark Hamburgs sitzen wir in Ferry Radax Portrait Thomas Bernhard – Drei Tage dem damals 39 jährigen Thomas Bernhard gegenüber und lauschen seinen Worten. 1970 machte Ferry Radax es sich zu Aufgabe, diesen Schriftsteller zu portraitieren und schmiss während der Vorbereitungen jegliche Konzepte, am Hamburger Hafen oder auf einem Schiff zu drehen, über Bord. Dem Schriftsteller zuliebe und zu Gunsten dieses Werkes.

 

Ferry Radax, dessen Filme wie Sonne halt! oder Am Rand bis dato eher durch viele Schnitte geprägt waren und zeitweilig wirr erschienen, lässt hier die Ruhe und Friedlichkeit regieren. Die Kamera ist – abgesehen von wenigen Ausnahmen – auf Thomas Bernhard gerichtet, der auf einer weißen Parkbank in einer großen Wiese sitzt, neben ihm ein Baum. Die Offenheit, die beim Dreh herrschte, spiegelt sich auch im Bild wider. Während Thomas Bernhard die Aufgabe hatte schlichtweg Aussagen seine Person betreffend zu machen, versuchte Radax diese durch verschiedene Kameraeinstellungen wie der Totalen, der Konzentration auf bestimmte Körperteile Bernhards – wie zum Beispiel bloße Detailaufnahme der Hand – oder einem schiefen Bild, bei dem die Bank die Diagonale bildet, zu intensivieren und unterstreichen. Je persönlicher und düsterer die Aussagen Bernhards werden, desto näher rückt die Kamera. Man bekommt den Eindruck immer näher an Bernhards Inneres heran zu kommen, in seine Psyche blicken zu können.

 

Nachdem Radax sich bei diesem Portrait nach eigenen Aussagen auf das Wesentliche konzentrieren wollte – und angenommen Thomas Bernhard sei in diesem Fall das Wesentliche – nimmt jedoch die Kamera und der Einsatz der Medien an sich trotzdem einen hohen Stellenwert ein. Diese Arbeitsweise, diese Handschrift Radax', unterstützt allerdings Bernhards Aussagen, auch wenn dieser eine zwiegespaltene Meinung zu neuen Medien hatte und nach eigener Aussage beim Dreh "in dem Zustand äußerster Irritation" gesprochen habe.

 

Der Einsatz mehrerer Kameras, um keine Pause beim Wechseln der Filmrollen machen zu müssen, sowie die Nutzung von Bildschirmen um die Aufnahmen gleich überprüfen zu können, die auch ein intermedialer Orientierungspunkt im Portrait sind, werfen die Frage auf, ob die Aussagen Bernhards wirklich spontan getroffen wurden und authentisch sind oder ob es ihm möglich war durch Überprüfung vor Ort seine druckreifen Aussagen zu korrigieren und vorher zu überlegen.

 

Das Portrait, dass durch den Arbeitsprozess, den freien Rahmen und das spontane Reagieren auf die Situation in Verbindung mit Bernhards Aussagen, trotz der Frage nach der Authentizität in sich stimmig ist, veranlasste nicht grundlos Thomas Bernhard dazu, aus einem seiner Fragmente dem Regisseur Ferry Radax das Drehbuch für Der Italiener, einen fiktiven Dokumentarfilm, zu schreiben.