Eine österreichische Dystopie (Diagonale 2012)

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Eine Filmkritik von Michael Weitz zu Die toten Fische, Regie: Michael Synek, AT 1989.

 

Die Erzählung, angelehnt an die gleichnamige Kurzgeschichte von Boris Vian, behandelt ein Thema, das nicht gewöhnlicher sein könnte; Die Problematisierung bestehender Machtstrukturen und deren  Auswirkung auf den anonymen Arbeiter. Wieviele Zelluloidstreifen wurden damit schon belichtet? Welche Flut von Regisseuren setzte sich schon mit diesem Topos auseinander? Und doch ist der Film einzigartig, nicht nur in der Erzählstruktur, vielmehr auch in seinem ästhetischen Erlebnis.

 

Der Plot handelt von dem anonymen Assistenten, der genötigt wird in einem mysteriösen Sumpf Briefmarken zu fischen, die er unter höchster Anstrengung für einen Hungerlohn an seinen Auftraggeber überbringt. Die ungewöhnliche Narration wird schon in den ersten Filmminuten etabliert. Extrem lange verfolgt man den Assistenten bei seiner schweißtreibenden Arbeit, fast schon in dem Glauben, der Film wird keine Veränderung mehr zeigen. Kein Wort wird gesprochen, einzig die surrealistischen Töne, erzeugt durch ein aufwendiges Sounddesign, begleiten den Zuseher auf seiner Bootsfahrt durch den Sumpf des Verderbens.

 

Die in schwarz-weiß gehaltene Dystopie findet in den nächsten Szenen ihre Ausformulierung. Bei seiner Rückkehr in die unterirdisch angelegte Heimat der Menschen kann man gewisse Analogien zu Kubricks Clockwork Orange (1971) sehen. Die urbane Gesellschaft wird von Wachorganen observiert, die auch gerne mal eine Kinderrutsche zur Belustigung runterrutschen. Ein sadistischer Lokführer lässt seinen Unmut an den Passagieren aus, indem er die Türen nicht öffnet und Gas in die Fahrkabine einfließen lässt. Und zu guter Letzt verurteilt ein Kartenkontrolleur mit Hilfe von eigens gefälschten Karten den Assistenten zu einer Strafe wegen Schwarzfahrens, obwohl dieser die Karte, im Glauben sie wäre echt, von seinem Chef erworben hat.

 

Diese surrealistische Diegese wird mit perfekt ausgeleuchteten Szenerien, komischen Charakteren und einer enormen Bildtiefe dem Zuseher vermittelt, ohne auch nur im Geringsten unglaubwürdig zu wirken. Die Symbolik des politischen Films wird durch zahlreiche Metaphern getragen, die unterdrückende Machtstruktur lässt den Assistenten und den Rezipienten gleichsam leiden. Sei es bei der endlos langen Odyssee zu seinem Arbeitgeber oder dem grellen Quietschen der Ratten, die von jenem Chef mit einem Wasserschlauch massakriert werden. Bemerkenswert ist die Motivwahl Syneks für das Anwesen des skrupellosen Bosses. Sofort erkennt man die heiligen Hallen des österreichischen Parlaments.

 

Wendepunkt der Narration ist das Auftreten des mystischen Mädchens, das Pfeffer verkauft. Die vorherige technoide Szenerie tauscht mit einem Setting das von Natur überquillt. Der verführte Chef wird von dem Mädchen in die Falle gelockt; sie tötet ihn bei dem Versuch, sich ihr anzunähern. Die Natur triumphiert quasi über die Technik, der Mensch mit seinen Maschinen versagt, die Mutter Erde gewinnt ihr Territorium zurück.

 

Die sirenenhafte Gestalt nimmt hier aber dem Assistenten die Möglichkeit seinen skrupellosen Auftraggeber zu töten. Ohne dem vorherrschenden Machtgefüge, verliert somit auch er seine Existenzberechtigung, die im Film durch das Töten seines Kindes dargestellt wird. Stirbt das Kind im Manne, so stirbt auch er.

 

Die tragische Auflösung der Erzählung wirkt dennoch vertröstend, da die fulminanten Lichteffekte den Zuseher an eine bessere Zukunft glauben lassen. Die extravagante Bildkomposition, das durchdachte Sounddesign und die Aktualität der Erzählung lassen den Film zu einem ästhetischen Erlebnis werden und das österreichische Kino der 1980er Jahre in neuem Licht erscheinen. Im Kontext der damaligen Zeit, als Waldheim noch Schlagzeilen machte, ist es um so mehr hervorzuheben, dass hier durch einen aufwendigen Kraftakt eine Parabel auf die Nachkriegsgesellschaft geschaffen wurde, die ein schauriges Ende vorschlägt: den Selbstmord.