Eine Droge auf die man sich einlassen muss (Diagonale 2013)

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Eine Filmkritik von Veronika Beringer zu Perfect Garden, Regie: Mara Mattuschka und Chris Haring, AT 2013.

 

"Ein Film wie eine Droge, auf die man sich einlassen muss. Wenn man dies nicht tut, könnte man in einen Horrortrip geraten." Mit diesen einleitenden Worten von Mara Mattuschka beginnt die zweite Vorführung von Perfect Garden im Rahmen der Diagonale 2013 in Graz.

 

Mit Perfect Garden hat Mara Mattuschka in Zusammenarbeit mit Chris Haring und Liquid Loft ein überaus sinnliches und hypnotisierendes Filmerlebnis kreiert. Denn durch die Verschmelzung von dynamischem Ausdruckstanz, tiefgründigen Sprachassoziationsketten und einer Mafia-Zuhälter-Geschichte wird der Zuschauer regelrecht in die Welt eines äußerst ungewöhnlichen Bordells entführt.

 

"Skin on grass. The blades tickle. And torment is distracting me from surrendering completely. The sweet smell of honey suckle is drawing me closer to the drifting blue sky. […]" Dieses Gedicht erzählt der am Tresen sitzende Besucher eines Bordells mit britischem Akzent der hinter der Bar stehenden Frau. Daraufhin beginnt diese lauthals zu lachen und kann sich vor lauter Lachen kaum noch gerade halten. Die Kluft zwischen Kitsch und Komik, Schmerz und Ernst sowie Natur und Zivilisation kommt in Perfect Garden in einer perfekt choreographierten Sprach-Tanz-Rhythmik zum Tragen. Selbst die anfangs irrtierende, kitschig und billig wirkende rotleuchtende sowie kursiv-gesetzte Premiere-Glow-Schrift, die den Filmtitel sowie die FilmemacherInnen ankündigt, passt schmerzhafterweise zur Gesamtoptik des Films.

 

Vier Frauen und ein Mann leben in einem Puff, das sich in einer verlassenen und trostlosen Gegend an der Donau befindet und die blass-rosarote Aufschrift "Perfect Garden" trägt. In diesem Etablissement arbeiten die Bewohner sowie die sporadischen Gäste nach dem Lustprinzip. Sie begegnen sich auf einer sinnlichen Ebene und kommunizieren vorwiegend mit ihren Körpern. Durch Wiederholungen und sprachlichen Impulsketten entwickelt sich ein ästhetischer Tanz- und Sprach-Rhythmus, der Perfect Garden eine faszinierende Eigendynamik verleiht. Diese Rhythmik erhält durch den Gangster-Gitarren-Blues-Soundtrack, der an einen Tarantino Film erinnert, eine düstere und trübe Note. Auch die sprachliche Vielfalt – von British English, American English und Russischem Akzent zu Schweizerdeutsch – verdeutlicht die Wichtigkeit der Sprache, ihres Ausdrucks und ihrer Verbalisierung in Perfect Garden.

 

Von Geldgier getrieben verschlägt es einen russischen Mafiaboss und seine Handlanger in jene Kneipe. Als ob sie von einem Tunnel in eine andere Welt aufgesogen würden, kämpfen sich die Mafiosi durch den Gang des Bordells, der die unsichtbaren Wünsche und Gelüste seiner Eindringlinge zu flüstern scheint und so wirkt, als unterläge er nicht den gewöhnlichen Naturgesetzen. Alkoholisiert, neugierig und von Trieben gesteuert, versucht der Mafiaboss mit den vier Frauen einen Deal auszuhandeln, es wird ihm allerdings mit einer Anti-Show entgegnet. Dieser Moment, in dem die Frau die Bühne des Bordells betritt, das Mikrofon in die Hand nimmt und anstelle zu singen wie ein kleines Baby ihren tiefsten Kummer und Schmerz aus der Seele schreit, lässt einen kalten Schauer über den Rücken laufen.

 

Parallel dazu irrt eine verwilderte Frau durch die umliegenden Büsche und beobachtet die Bewohner und Gäste des Bordells. Diese in Fell gekleidete Frau erzählt in Hochgeschwindigkeit ihre Gedanken über die Natur als Maschine und der Perfektion dieser Maschine. "I'm part of this machine. I'm part of nature machine […] I become part of this machine. […] They try to have this huge power between their legs. But I have my own power between my legs, because I'm part of nature. […]  I'm part of this beautiful machine, that works. […]"

 

Mara Mattuschka hat für den Film Perfect Garden der gleichnamigen Performance-Reihe von Chris Haring und Michel Blazy, die unter anderem im Tanzquartier und Odeon Theater in Wien aufgeführt wurde, ein Narrativ hinzugefügt. Mara Mattuschka zufolge wurde in etwa ein Drittel des Films aus dem Tanzstück übernommen, ein weiteres Drittel wurde für den Film in Zusammenarbeit mit der Tanzgruppe Liquid Loft und Chris Haring neu erarbeitet sowie teilweise von den Tänzer improvisiert,das letzte Drittel setzt sich aus Mattuschkas Erzählung zusammen. Dieses Narrativ ist relativ trivial und naiv – wie auch Mattuschka selbst betont – jedoch ergibt sich durch die Verbindung der ostentativen und rhythmischen Elemente eine gelungene und innovative Gesamtkomposition. Wenn man allerdings das Glück hatte, die Tanzperformance Perfect Garden gesehen zu haben, wird einem klar, dass die Höhepunkte des Films eindeutig dem Tanzstück entnommen wurden.