Ein Umweg über Ebensee (Diagonale 2014)

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Eine Filmkritik von Nina Holzbauer zu Und in der Mitte, da sind wir, Regie Sebastian Brameshuber, AT 2014.

 

In Ebensee haben im Jahr 2009 ortsansässige Jugendliche eine KZ-Gedenkfeier gestört in dem sie den Hitler-Gruß nachgeahmt haben. Für Brameshuber war das der Impuls um sich mit dem Ort und der ansässigen Jugend auseinanderzusetzen und dabei Beweggründe und die Diskussionen um den Vorfall aufzuarbeiten. Er wählt in einem Casting junge Menschen und dokumentiert einen kurzen Ausschnitt ihres Lebens.

 

Drei Jugendliche, zwei Burschen und ein Mädchen, werden über ein Jahr lang von Sebastian Brameshuber begleitet. Die Jugendlichen wachsen im Schatten des Konzentrationslager Ebensee auf und es wird schnell klar, dass sich die Geschichte des Ortes nicht ganz ignorieren lässt.

 

Trotzdem erkennt sich vermutlich jeder in den Jugendlichen wieder – jemand der außerhalb Wiens aufgewachsen ist vielleicht etwas mehr. Traditionen wie Ratschen und die Selbstverständlichkeit mit der Tracht getragen wird stehen gleich neben der Auseinandersetzung mit Fragen darüber ob man die Schule abbrechen soll, wie denn eigentlich die gewünschte Lehrstelle aussieht und wie man ein richtiger Punk wird. Ganz alltägliche Fragen also, bei deren Beantwortung die Jugendlichen begleitet werden.

 

Keinen Moment ist der Film langweilig. Denn die Jugendlichen führen ein ganz normales, spannendes leben: Man befürchtet, dass der eine Bursche in die Neonazi-Szene abrutscht, fiebert mit dem Mädchen mit ob sie beim nächsten Schnuppertermin wohl die passende Lehrstelle findet. Macht man sich gleichzeitig mit dem anderen Burschen darüber Gedanken ob er jetzt schon ein Punk ist, oder ob das noch ein bisschen dauert – ganz klar sind scheinbar damals wie heute die Kriterien nicht.

Man sieht wie die drei an den Anforderungen des täglichen Lebens wachsen und man fühlt sich ein bisschen wie ein stolzer Elternteil, dass sie eine Phase hinter sich lassen, die großen Fragen für sich lösen oder manchmal einfach abhaken, weil sie tatsächlich doch nicht so wichtig waren.

 

Und immer wieder kommt die Konfrontation mit der Vergangenheit, die man einfach nicht hinter sich lassen kann, weil sie doch Teil der eigenen Identität ist. Nach und nach wird einem klar, wir alle in Österreich haben diese Vergangenheit, ob wir das wollen oder nicht. Bloß diese Jugendlichen haben sie gleich vor der Haustür und müssen sich doch ein bisschen intensiver damit auseinandersetzen.

 

Sebastian Brameshuber begleitet die Jugendlichen nicht nur in ihrer Freizeit, in der Arbeit, am Arbeitsamt und in der Schule, sondern erzählt auch durch Gespräche mit den Eltern, Lehrern, Arbeitgebern, Betreuern und Freunden. Es wird nicht immer nur angenehmes gezeigt oder besprochen, in einigen Situationen kommen auch die Ängste der Eltern, Unsicherheiten, Definitionsfragen und Ungereimtheiten zum Vorschein.

So ist das nun mal im Leben und die Kunst liegt darin, dass Brameshuber nicht den Finger erhebt und moralisierend wird, sondern die Umwege einfach mal Umwege sein lässt und nicht zu Katastrophen inszeniert.