Ein medialer Trümmerhaufen (Diagonale 2012)

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Eine Filmkritik von Gloria Höckner zu Testament, Regie: Ferry Radax, AT 1967/68.

 

Am Anfang war das Wort und das war: "Der Karakter des Folkes ist sein Schiksal!" Und es ereilt uns über den Fernsehbildschirm. Eine Fernsehsendung verquickt die göttliche Schöpfung Erde mit den technischen, wirtschaftlichen und künstlerischen Aktivitäten des Menschen, der sich Energiequellen erschließt um Gottes Auftrag zu erfüllen. Der Zwang zur Arbeit und die damit verbundene Last seien unser Dienst an Gott, mit dem wir ihm die gebührende Treue zollen. Doch die Idylle des redlichen Menschen, dessen Sinn des Lebens eine transzendente, religiöse Ebene sein soll, wird jäh unterbrochen. Es gibt ein Erdbeben, von Atomkrieg ist die Rede, Wien liegt in Trümmern, ein Bürgerkrieg ist ausgebrochen. Doch das Allerschlimmste folgt noch, ein Laserstrahl hat den Turm des Stephansdoms zerstört und ihn damit auf Gemeindebauhöhe gestutzt. Wien ohne Steffel ist wie Sachertorte ohne Schlagobers, undenkbar.

 

Alles ist von den Truppen des Diktators besetzt, ein Geheimsender der Schriftsteller, die für Demokratie kämpfen, wurde bereits verhaftet. Die Berichterstattung ist jedoch verwirrend. Angeblich wurde der Präsident, der gegen die größenwahnsinnigen Pläne seines Energieministers war, beseitigt. Während sich das Volk auf den Lorbeeren des Wohlstandes ausruhte, konnte der Minister die Macht übernehmen. Intellektuelle, Journalisten, Schriftsteller, die Regierung; sie alle werden von der feministischen Einsatztruppe des neuen Diktators, die mit ihren Sciencefiction-Kostümen und Laserstrahlern an Liebeneiners Österreichfilm 1. April 2000 erinnern, verfolgt.

 

Tyrannis ist immer besser organisiert als Freiheit

 

Nur die unpolitische, gutbürgerliche Jugend befolgt den Rat ihrer Eltern und hält sich aus allem raus – sie fahren lieber in die Wachau baden. Ein junger Mann, dessen Erzählung immer wieder aus dem polyphonen Stimmgewitter von öffentlicher Berichterstattung und persönlichen Eindrücken einiger Privatpersonen aufgegriffen wird, beschließt das Parteiabzeichen zu tragen weil es ihm klüger erscheint und man nie weiß, wer die Nachbarn sind oder wem man vertrauen kann. Ferry Radax beschreibt hier ein Wegsehen und wie daraus sehr wohl (aus Bequemlichkeit) politische Handlungen vollzogen werden, wie eben zum Beispiel das Tragen des Parteiabzeichens. Er Verknüpft diese Trägheit mit dem Fernsehen, wo "eine Revolution immer schön ist". Die österreichische Gesellschaft klammert sich an eine Form von Realität, die sich nur mehr dort abspielt, wo man an-, aus- und umschalten kann.

 

Gleich danach montiert Radax den Aufruf sich zu bewaffnen. Abwechselnd dazu monologisiert der vorhin angesprochene Ich-Erzähler, dass er genug von der Politik habe, man sieht einen Kung Fu-Kämpfer, Gemütlichkeit, Bilder einer Festnahme. Währenddessen unterhält sich ein älteres Paar darüber, dass bei den Festnahmen angeblich Leute vergast wurden, was die weibliche Stimme mit: "Geh hör auf, das haben sie von den Nazis auch immer gesagt", kommentiert.

 

Diese Gegenüberstellung, die Radax mittels Montage bewerkstelligt, die den Ton als Kommentar zum Bild und umgekehrt funktionieren lässt, folgt keiner klassisch-narrativen Struktur, drückt sich aber in der Differenz aus, in dem Dazwischen der Bild-Ton-Schere, in dem Dritten, das entsteht, wenn zwei Bilder in der Montage aufeinanderprallen. Sie schafft es das auszusprechen, was den in ihr kritisierten Medien wie Fernsehen und Radio nicht gelingt, sie berichtet sozusagen von den Bildern die sie weg lässt, anstatt dem Empfänger (dem Publikum) welche einzuschreiben. Sie schreibt sich nicht mittels Ton oder Bild ein, behauptet nicht es sei so oder anders, sondern zieht uns vielmehr den Sinn unter den Füßen weg, lässt uns nichts, woran man sich festhalten könnte. Die Bild- und Tonfragmente verhalten sich widersprüchlich und gegensätzlich zueinander, was oft auch einen beträchtlichen Teil der Komik ausmacht. Oder so: Bild und Ton und auch Ton und Ton und Bild und Bild stehen im ewigen Widerstreit miteinander, immer aufeinander reagierend und das, was dazwischen stattfindet, das was man Kommunikation nennen könnte, ist eine Form von Kritik, die spielerisch ein Bild entstehen lässt, das die österreichische Gesellschaft demaskiert.

 

Ferry Radax' Filme sind nicht wie Fernsehen und Radio an ein passives, stummes Publikum gerichtet, sondern ganz im Gegenteil an ein Aktives, das sich nicht der Illusion hingibt. Dieses brecht'sche Moment spart jedoch wohlgemerkt einen erzieherischen Duktus aus. Es geht vielmehr um Irritation, Ausbruch aus der gewohnten Form, Erweiterung des Sichtfeldes.

 

Weiter geht es im Testament – im Fernsehen, im Radio, überall hört man nur noch von Aliens, die Marsmenschen kommen, die Leute reden über Ufos und man bemerkt: Alle Wachkommandos sind weiblich...! Dennoch, woher auch immer der neue Diktator kommen mag, der Urlaub war verdorben. So sehr die Form der Montage bei Radax auch offen sein mag, in ihren Gegenüberstellungen von Politik und unpolitischem Bürgertum etc. beinahe schon dialektisch, positioniert sie sich doch sehr klar, indem sie akustische und visuelle Elemente so miteinander verknüpft, dass einem bei dem sarkastischen Humor das Lachen im Halse stecken bleibt.

 

Wer die Schlechten schont verletzt die Guten

 

Die feministischen Einsatzkommandos stürmen nun auch die Redaktion der Chefrevolutionäre, die schnell Gift schlucken und den Märtyrertod sterben. Doch da kommt leider zu spät, wie wir später erfahren werden, ein britischer Spezialagent (!), der Wien retten soll.

 

Treue, auch einer der Wege zum Verrat

 

Die Machtübernahme der Frauen hat bereits stattgefunden, der Diktator im Hitler-Duktus erwartet absolute Treue, da seine väterliche Fürsorge und die Orden, die er ständig verteilt, jegliche Kritik sowieso ins Leere laufen ließen. Dies ist ein Punkt der absoluten Verwirrung. Werden die Männer wieder Herr der Lage oder können sich die Frauen nehmen was ihnen gebührt, wie sie sagen? Zunächst sieht es so aus, als hätten die Schriftsteller die Situation im Griff, das Fernsehen oder auch irgendjemand anderes, berichten darüber, dass die Frauenpolizei gedemütigt in den Händen der Literaten sei.

 

Erst wenn der Sarg zugenagelt ist beweist sich die Haltbarkeit eines Namens

 

Doch dann: die Frauen liefern den Anführer aus, nur noch der im Stephansdom verschanzte Widerstandstrupp "freies Wien", der letzten drei kämpfenden Literaten, sendet internationale Hilferufe aus. Es gibt noch einmal eine Kung Fu Szene und der britische Agent, der Wien leider nicht retten konnte, wird wegen seines Fehlschlages vernichtet. Währenddessen auf der Fernsehcouch unseres jungen unpolitischen Next-Vergnügungs-Generation-Exemplars: "Im Fernsehen ist eine Revolution immer schön, da ist einfach alles echt. Wir haben ja schließlich andere Sorgen, mein kleiner Bruder zum Beispiel macht mich wahnsinnig mit seinen James Bond Hefteln." Dann sind wieder Bilder von Toten zu sehen, die von der Frauenpolizei zugedeckt und ihrer Uhren entledigt werden.

 

In Testament wird eine sehr stark gesellschafts- und medienkritische Stimme hörbar, die sich auf mehreren Ebenen ausdrückt. Einerseits wäre da die Vielfalt an Berichterstattungen über die Lage in Wien, den Bürgerkrieg, den Diktator, die Frauenpolizei etc. Wir erfahren aus Radio und Fernsehen nie zur Gänze schlüssige Details, die man, mangels Überblick, versucht miteinander in Kontext zu setzen. Oft hört man jedoch nur Gerüchte oder die Erzählerstimme ist nicht klar zuordenbar. Die Grenzen der Berichterstattung der Revolutionäre, der Regierung, des Diktators, der Polizei, verschwimmen ineinander, man weiß nie genau wer gerade an der Macht ist oder wer gerade spricht. Man erfährt alles nur aus zweiter Hand, sei es durch die Medien oder durch persönliche Erzählungen, Gedanken, vielleicht sogar Tagebucheintragungen, aber nie sieht man aus einer objektiven Perspektive, was tatsächlich passiert ist. Dann wird der Verdacht einiger Menschen auf Außerirdische durch mediale Panikmache und eine Ufo-Sichtung bestärkt. Gleichzeitig findet eine Resignation und ein Rückzug aus dem politischen Leben statt, da alles unklar ist und man ja doch nichts ändern kann. So bleibt die Revolution im Fernsehen und das Privatleben auf der sicheren Wohnzimmercouch als passiver Empfänger statt aggressivem Umgestalter.

 

Immer mehr drängt sich die Frage auf: Wer sind eigentlich die Guten hier? Können wir zu irgendjemandem halten? Zu dem Diktator im Hitlerduktus definitiv nicht, zu der literaten-jagenden Frauenpolizei auch nicht unbedingt, denn die Schriftsteller scheinen irgendwie schützenswert: sie sind ja auch die Aufständischen, auf die niedergedroschen wird. Genauso wenig zu dem, den Medien zum Opfer gefallenen, unpolitischen Jüngling in der Wachau. Höchstens der Agent könnte uns helfen und ja, die Künstler eben.

 

Doch nach und nach bekommt diese Sciencefiction-Utopie einer blutrünstigen, haare- abschneidenden Machtübernahme der Frauen einen leicht unangenehmen Beigeschmack für das emanzipierte Publikum von heute. Die Feministinnen wirken eher lächerlich in ihren kurzen Röcken. Sie wollen sich endlich holen, was ihnen gebührt, während die Männer versuchen wieder HerrderLage zu werden. Die schon um die Jahrhundertwende beklagte Feminisierung der Kultur wird als drohende Ent-Universalisierung der androzentrischen Gesellschaft gesehen. Das allmähliche Eindringen von Frauen in Berufsleben, Politik und Universität unterhöhlt nicht nur die sozioökonomische Sphärentrennung, sondern besiegelt sozusagen einen symbolischen Vaterfunktionsverlust. Die Schriftsteller in Testament funktionieren als intellektuelle Wortführer, die sich weder dem Diktator/der Politik noch dem aufkommenden Feminismus beugen wollen. Die Frage bleibt offen, ob Radax den Medien der ausgehenden 1960er Jahre eine amazonenhafte Stilisierung der feministischen Bewegung unterstellen wollte oder als Kind seiner Zeit selbst solchen Klischees anheim gefallen ist und diese nun als humoristisches Element in seinen Film integriert.

 

Dennoch, die medienkritische Auseinandersetzung in Testament könnte vielleicht als Vorbereitung auf Radax' nach dem Film beginnende Fernsehkarriere gelesen werden und einen Hinweis auf seine, wie er betonte, weiterhin experimentelle und unangepasste Arbeitsweise geben, da er sein Medium nie unkritisch nutzt. Er nutzt es eher, um sich von gängigen Formen wie der linearen Narration frei zu machen und in dem Sprengen dieser Form gesellschaftliche Verhärtungen und Missstände mitaufzubrechen.