Die sich verweigernde Dokumentation (Diagonale 2013)

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Eine Filmkritik von Michael Weitz zu Das Phantom der Erinnerung, Regie: Friedemann Derschmidt, AT 2012.

 

Wie kann man Zeitgeschichte unkonventionell im dokumentarischen Format vermitteln? Muss immer das historisierte Einzelschicksal im Zentrum stehen? Verstecken wir nicht die eigentlichen Vitae der Opfer, indem wir sie zwingen, Vergessenes herauf zu beschwören? Ilana Shmueli – ihres Zeichens israelische Schriftstellerin – zeigt auf, warum genau diese stereotypen Abhandlungen des Zweiten Weltkriegs problematischer Natur sind: "Wozu erinnern?"

 

Das jene ephemeren Gedankenkonstrukte oft nicht mehr der Wahrheit entsprechen, scheint niemanden ernsthaft zu wundern. Trotzdem hängen wir häufig an den Lippen der sonst überhörten  Großelterngeneration, süchtig nach den Erzählungen von einer Zeit, in der eine Zigarette noch Reichtum bedeutete. Viel erschreckender ist der Umstand, dass sogenannte Nachrichtensender uns täglich mit wiederaufbereitetem Leni Riefenstahl Filmmaterial konfrontieren, natürlich in anderem Kontext, jedoch mit dem selben Kriegspathos von damals.

 

Umso interessanter, dass sich Das Phantom der Erinnerung plakativ gegen jene Praktiken stellt und versucht – wenn auch nicht ganz erfolgreich – neue Wege der Aufarbeitung zu finden. So engagiert Derschmidt einen Phantombildzeichner, um den Ausführungen Shmuelis bezüglich eines deutschen Offiziers ein Gesicht zu geben. Die forensische Arbeit des Zeichners gleicht der eines Psychoanalytikers. Genau diese Fähigkeit scheint hier als Traumdeutung zum Einsatz zu kommen. Mit salopper Gestik und detaillierter Fragestellung schürft er am Grund des Gehirns der alten Dame und lässt einen hilfsbereiten deutschen Offizier wiederauferstehen. Obwohl sie meint, er stimmt zu 70 Prozent mit ihrer Erinnerung überein, ist es doch nur die Imagination eines Mitt-Fünziger-Polizeibeamten aus Israel, beladen mit einem Gepäck voller Vorurteilen und Stereotypen. Vielleicht liegt die Qualität des Films genau hier; Der Zuseher erkennt den Lug und Trug der Geschichte. Man weiß, dass jene Emotionen von damals nie wieder erlebt werden, die Geschichten nie wieder so passieren können und die Menschen von einst, heute bedürftige Lebewesen sind, die – wie Ilana ebenso anführt – eher eine Sterbehilfe benötigen, als wissbegierige Journalisten. Warum Derschmidt seinen Brief an die – während der Dreharbeiten verstorbene – Protagonistin als Grundlage des Off-Textes gewählt hat, seine Bindung zu der Befragten so prominent uns aufgezwungen wird, scheint nicht ganz begründet. Berührt hat die Dokumentation schlussendlich aber doch. Vielleicht der aussagekräftigste Moment ist jener, als ganz Tel Aviv gebannt durch die Sirenen einen weiteren Gedenktag begeht; regungslos in den Straßen und auf den Plätzen stehend, zwar ohne persönlichen Bezug zu dem Geschehenen, dennoch in der Konvention der Erinnerung gefangen.