Die Psychotopographie zweier Mörder (Diagonale 2014)

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Eine Filmkritik von Katharina Schöller zu Landscape Suicides, Regie: James Benning, US 1986.

 

In der Aufarbeitung der Psychogeographie zweier Mörder und deren Morde in den 50er Jahren, bedient sich James Benning,  sowohl starrer Landschaftsaufnahmen im O-Ton, als  auch bewegter Bilder einer Autofahrt, die von einem Radiosprecher untermalt werden, Reenactments und schauspielerischen Szenen. Die Reden wirke dabei  wie ein moralisches Über-Ich, das aus Radio als Kommentar zu den Bildern tönt.

Zwischen Dokumentation  und Fiktion bewegt sich dabei der Film wenn sich diese Landschaftsbilder mit schauspielerischen Sequenzen ablösen.

 

Menschenlos und isoliert wird die Landschaft präsentiert, die sogleich als Topographie von Innenleben fungiert.

Eine Autofahrt verbindet dabei die verschiedenen Elemente in dem sie äußere und sogleich innere Landschaften abfährt. Wir steigen ein und fahren mit.

Die Fahrt führt durch Dörfer und Gemeinden, man sieht auch in diesen Einstellungen keine Menschen in der Szenerie. Als Hintergrund ist das Radio deutlich verständlich und eine Stimme kritisiert, die eine Gesellschaft, die sich in ihrer Entwicklung von Moral löst. Dabei werden  die Inhalte einer solchen Moral nicht genau definiert. Die Assoziationsfreiheit bleibt erhalten.

 

Zu Beginn stehen die Reenactments der Geständnisse der Mörder in einer genau solchen Abwesenheit von Moral oder Ethik. Die Fahrt  durch das erste Geständnis einer jungen Frau lässt, obwohl ihre Tat außer Frage steht, eine gewisse Sympathie für ihre Isolation von der Gesellschaft und dem Verwehren von Zugehörigkeit aufkommen. Während des Geständnisses werden immer wieder Aufnahmen der Landschaft und der Autofahrt gezeigt. Unterdessen verschieben sich die Ebenen und man ist sich nicht mehr sicher, wer hier Täter und Opfer ist. Ob nicht auch eine Gesellschaft Täter sein kann, in dem sie ausschließt.

 

Auch bei dem Statement des zweiten Mörders verschieben sich die Ebenen, doch kann man sich in den gefühllosen Kannibalen, der sich seiner Tat nicht einmal bewusst ist, kaum hineinversetzen. In dieser Verschiebung tritt der Mörder an die Stelle einer monströsen Gesellschaft, die sich ihrer Monstrosität nicht einmal bewusst ist.

 

Wieder befindet sich der Zuseher im Auto, mitten in der apokalyptischen Moralpredigt. Man fährt an Häuser vorbei, an den ahnungslosen angeklagten Insassen. In einer nächsten, gestellten Szene, tanzt eine Hausfrau in ihrem Wohnzimmer zu zärtlicher Schlagermusik. Diese Szene ist in ihrer fiktiven Beschaffenheit vollkommen aus dem Kontext gerissen, das Verhalten dieser Tänzerin wirkt wie eine einzige Negation der Realität. Eine entrückt, nostalgische Figur, ein Spiegel des amerikanischen Bürgertums. Aber diese Szene zeigt gleichzeitig auch die unschuldige Ahnungslosigkeit einer Gesellschaft, einer zuvor als monströs skizzierter Gesellschaft.

Hier schafft es Benning eine Gleichstellung der Mördern und ihrer Gesellschaft herzustellen, wobei beide Seiten Täter und Opfer sind.

Eine Topographie die man als Ort- und Zeitlos annehmen kann?!