Die capresische Liebesgeschichte (Diagonale 2012)

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Eine Filmkritik von Michael Weitz zu Capri – Musik die sich entfernt, Regie: Ferry Radax, DE/AT 1984.

 

Als Genrebezeichnung wird für diese Produktion gerne Avantgarde herangezogen, Radax selbst redet von Musikfilm, im Internet liest man Experimental-Musik-Spielfilm. Diese Begriffsverwirrung zeigt die verschiedenartige Rezeptionsmöglichkeit dieses Filmes auf. Er kann zwar in der Tradition der Musikfilme gesehen werden, doch ist der Fingerabdruck von Ferry Radax nicht zu verleugnen.

 

Die Inselthematik als Ort der Isolation, aber auch Inspiration, stellt hier den Leitfaden dar. Sie ist quasi die Sehnsucht, die jedoch nicht ihr Versprechen einlösen kann. Der Protagonist Cyrill K. wird auf der Suche nach dem perfekten Ende seiner Symphonie in den Bann Capris gezogen. Er erhofft sich die fehlende Muse, doch findet am Ende nur den Tod. Durchzogen wird diese Inselgeschichte mit absurden und aberwitzigen Elementen, wie einem steppenden Nietzsche oder einem römischen Centurio, der den Hauptdarsteller bittet, die Nachricht zur Befreiung von Jesus zu überbringen. Es sind jene Elemente, die Radax Werke auszeichnen und ihn von anderen Avantgardisten abgrenzt. Das gekonnte Einsetzen von Komik in einem tragischen Werk wird hier meisterhaft betrieben.

 

Auf seiner Odysee begegnen Cyrill historische Persönlichkeiten der letzten 2000 Jahre, deren Schicksale mit der Insel eng verwoben sind. Dieses zeitliche Paradoxon scheint Radax für den Film gepachtet zu haben, da nicht nur die Akteure aus verschiedenen Epochen auftreten, auch der Film selbst spielt mit dem Sprung in der Zeit. Cyrill K. scheint auf seiner detektivischen Suche immer stärker in diesen raumzeitlichen Sog zu geraten, bis schlussendlich die Auflösung seiner Persönlichkeit eintritt. Dabei geht Radax fast schon unscheinbar mit den surrealistischen Darstellungen um: Schnitt und Gegenschnitt werden nach allen filmischen Konventionen gedreht, doch wo vorher Norman Douglas über sein Werk Südwind erzählt, möchte plötzlich der schöne Kellner im Café die Bestellung von Cyrill. Diese Mischung aus paradoxen und alltäglichen Szenen resultierte sicherlich zum Teil aus den Vorgaben der Fernsehstation WDR. Der Drahtseilakt wird aber gekonnt bis zum tragischen Ende vollzogen und der Zuseher scheint gar nicht zu merken, dass es nicht immer mit rechten Dingen zu geht.

 

Hypathos, der Liebhaber von Kaiser Tiberus, fungiert hier als Schlüsselfigur. Schon in den ersten Szenen verführt er, in Person eines Matrosen, Cyrill mit seinen schönen Augen in eine mythische Zwischenwelt. In seiner Doppelrolle als Nino versucht er immer stärker den Protagonisten in seinen Bann zu ziehen. Er ist somit der klassische Antagonist, ein Gegenspieler der jedoch gleichzeitig das erotische Element, die geheimnisvolle Aura Capris, darstellt. Er sucht sich den ahnungslosen Komponisten aus, um seine Rachelust Tiberius gegenüber zu tilgen und verführt ihn in die blaue Grotte. Beim Altar der Grotta Matromania wird Cyrill in einem Ritual vor die Entscheidung über Leben und Tod gestellt. Endlich die Inspiration gefunden, muss er dafür aber einen hohen Preis zahlen und wählt den Tod in ehrenhafter Pose.

 

Auffallend ist der innovative Umgang mit der akustischen Gestaltungsebene. Der Wechsel von diegetischer zu nicht-diegetischer Musik geschieht beinahe unmerklich, dennoch weiß der Rezipienten damit, das die Geschichte in das Surreale abdriftet. Die Schnitte scheinen unisono mit der Filmmusik zu gehen, wie schon Radax postuliert, ist hier das audiovisuelle Element im Vordergrund. Das Ohr wird gleich dem Auge gefordert, die Bilder der Akustik untergeordnet. In diesem Geflecht aus verschiedenen Wirklichkeitsebenen scheint auch die Musik eine Textur zu bilden, die geschickt darüber gelegt wird um am Ende, gleich dem Geist des Protagonisten, befreit in die Welt hinaus zu strömen. Cyrill K. reiht sich somit in die Riege der gescheiterten Persönlichkeiten Capris ein und findet letzten Endes doch seinen Platz auf der Insel der unerwiderten Sehnsucht.