Der König tanzt (Diagonale 2012)

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Eine Filmkritik von Kristina Havlicek zu Am Rand, Regie: Ferry Radax, AT 1961-1963.

 

Die Diagonale 2012, auf der jährlich für einige Tage österreichische FilmemacherInnen ihre Filme präsentieren und ganz Graz in ihren Bann ziehen, widmete dieses Jahr dem Filmemacher Ferry Radax eine Werkschau. Der der 1932 in Wien geborene Künstler zählt zu den ersten Avantgardisten im österreichischen Film, da er bereits Ende der 1950er bzw. Anfang der 1960er Jahre, dank seiner (Neu)Gier auf neue technische Entwicklungen und seiner Experimentierfreude, Filme drehte, die so zuvor in Österreich noch nicht zu sehen gewesen waren. So auch sein Film Am Rand, der am Mittwoch den 21.3.2012 um 18Uhr im gemütlichen Grazer Schubertkino – in einem vollen Kinosaal – die Eröffnung der Radax-Werkschau einleitete.

 

Der Filmemacher war persönlich anwesend – wie bei all seinen übrigen Filmvorstellungen der Diagonale –wollte jedoch weder Fragen beantworten, noch ein paar einleitende Worte zu seinem Werk sagen. Ihm schien die gestische Kommunikation mit dem Publikum wertvoller und ein einfaches "Genießt den Film" ausreichend. Noch rasch Anweisungen zu geben, wie Ton und Licht eingestellt werden müssen, hatten Vorrang und er empfand es wohl praktischer, einfach andere für sich reden zu lassen. Jedoch machte genau seine natürliche und etwas chaotische Art, einfach ungeniert laut auszusprechen was er denkt, sehr sympathisch.

 

Ich könnte nun den Versuch starten Am Rand detailliert zu beschreiben, sodass die Einbildung weiterleben kann, es wäre möglich Radax' Stil so zu fassen, dass ein Radax-Laie eine konkrete Vorstellung von dem bekommt, was die ZuschauerInnen tatsächlich geboten bekommen. Ich werde nun auf jeden Fall kurz an der Oberfläche einer Beschreibung kratzen, um diese Illusion zu bewahren.

 

Ferry Radax setzt bei Am Rand, der zwischen 1961 und 1963 gedreht wurde, seine Experimentierfreude gekonnt in Szene. Mit beinahe ungewohnt schnellen Schnitten lässt er das Publikum in die wild tanzende, von Kunst durchtriebene und immer stets in Bewegung scheinende Jugendkultur eintauchen. Eine schnelle Sequenz nach der anderen zeigt das Nacht- und Tagleben der jungen Erwachsenen. In schwarz-weißen Bilderfluten reist der/die ZuschauerIn mit den AkteurInnen von Wien über München, Rom, Zürich bis nach Paris. Die Reise wird zu weiten Teilen nur musikalisch untermalt, was eine gelungene Abwechslung zu all den Dialog- bzw. Kommentarüberfüllten Dokumentarfilmen bietet. Dank der brutalen Aufnahmen wird man beinahe so in Ektase versetzt, wie die Gezeigten selbst. Die immer wiederkehrenden und schnell aufeinanderfolgenden Aufnahmen prägen sich so ins Gedächtnis ein, dass das Gefühl entsteht selbst dabei gewesen zu sein. Nachts wird getanzt und gefeiert, tagsüber gearbeitet in den verschiedensten Berufsfeldern – vom in den frühen Morgenstunden arbeitenden Metzger bis hin zum in den Tag hinein lebenden Fotografen.

 

Ich persönlich kann diesen 40minütigen Bilderrausch keinem genauen Genre zuordnen, da es scheint, dass von allem etwas dabei ist. Im Film vollzieht sich ein (Handlungs-) und Zeitrahmen, sodass Spielfilm zutreffen könnte, andererseits lassen ein kurzer Einblick und eine Art Alltagsbegleitung einer Randgruppe bzw. -Kultur, den Film in die Kategorie des Dokumentarischen festsetzen. Gäbe es eine Bezeichnung für so einen Genre-Misch-Masch, würde ich Am Rand jenem zuteilen. So muss der wage Terminus experimentell genügen. Ich denke, dass Ferry Radax komplexes Können schwer zu fassen ist und es eine genaue und ausführliche Auseinandersetzung mit der Materie benötigt, um all seine geschickt eingesetzten Anspielungen und Überlegungen, wie Überzeugungen, auf Anhieb deuten zu können.

 

Alles in allem ist dem Filmemacher ein experimenteller Weg, verschiedene Lebensweisen dieser Jugendkultur aufzuzeigen gut gelungen und für alle empfehlenswert, die eine seiner vielen Pionierarbeiten innerhalb der österreichischen Avantgardeszene erleben möchten.