Der Karakter des Folkes ist sein Schiksal (Diagonale 2012)

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Eine Filmkritik von Annika Rohde zu Testament, Regie: Ferry Radax, AT 1967/68.

 

Feministische Polizistinnen in Gewändern aus Plastikfolie, ein Diktator der das Erschließen von neuen Energiequellen für Gottes Auftrag an den Menschen hält, eine junge Generation, der Poolpartys wichtiger sind als das politische Geschehen in ihrem Land. Und nicht zu vergessen die eingeschworene Gemeinschaft von Wiener Literaten, die sich der österreichischen Diktatur entgegen zu setzen versucht und mittels eines freien Rundfunksenders zum Widerstand aufruft.

 

Diese sehr unterschiedlichen Akteursgruppen treffen in Ferry Radax´ Testament in einer Art Bürgerkrieg aufeinander. Oder eben auch nicht, wenn die Generation der desinteressierten 20- bis 30-jährigen es bevorzugt, rauchend auf dem Sofa vor dem Fernseher zu liegen, sich am Pool zu räkeln oder beim Frühstück im Garten pseudointellektuelle Gespräche zu führen:

 

"Also im Fernsehen is a Revolution immer scheen. Da is einfach alles echt. Aber wir haben ja schließlich andere Sorgen. Zum Beispiel mein kleiner Bruder der macht mich wahnsinnig mit seinen James Bond Heftln. Ja was kann denn I dafür, dass es mir gut geht?!"

 

Der Diktator, der die Herrschaft über Österreich übernommen hat, erinnert in Mimik, Gestik und insbesondere seiner Art zu Sprechen stark an Hitler. Er plant die Revolutionierung der Energieversorgung durch die Ausbeutung der Wasserkraft, will alle Regimekritiker gnadenlos ausschalten und ist gerne bereit, für seine Pläne auch Opfer aus den eigenen Reihen in Kauf zu nehmen.

 

Die Polizeieinheit der Regierung besteht ausschließlich aus resoluten Frauen, die, nie zu wenig Bein zeigend, sich der Herrschaft des Diktators nur so lange unterordnen, wie es ihnen von Nutzen ist. Nur knapp die Parteizentrale verfehlend, schießen sie letztendlich mit einem gigantischen Laserstrahl, der den allerersten Comicheften entsprungen zu sein scheint, den Turm des Stephansdoms ab. Die Meinungen der Bevölkerung bezüglich des Verlusts des Wiener Wahrzeichens sind verschieden, sie reichen von  "Zu Wien gehört der Stephansdom wie der Schlagobers zur Sachertorte" bis hin zu Überlegungen, dass ein bisschen mehr Parkplatz der Innenstadt durchaus nicht schaden könnte.

 

In ebendiesen Steffel hatten sich die verbleibenden Schriftsteller gerettet, um von dort aus die Ausstrahlung ihres Senders Freies Wien wieder aufzunehmen. Die überzeugten Aufrufe der Regimegegner zum Widerstand verkommen immer mehr zu weinerlichen Hilferufen, die Literaten scheinen überfordert mit der sich selbst auferlegten Aufgabe, den Diktator zu stürzen, und beginnen um ihr eigenes Leben zu fürchten.

 

Ton und Bild sind in Testament getrennte Ebenen. So gut wie nie passen Gesprochenes und Lippenbewegungen der Figuren aufeinander. Es handelt sich meistens um Stimmen aus dem Off, ob die Rede des Diktators, eine Fernsehberichterstattung mit Huldigungen desselben, ein Zeitzeugenbericht oder mehr oder weniger rebellische Sendungen der Literaten, unterlegt mit bewegten Bildern, die das Erzählte mal bestätigen, mal diesem widersprechen. Auch bei Szenen, in denen Bild und Ton auf den ersten Blick keinerlei Verbindung zu haben scheinen, versucht man als Zuschauer stets eine solche dennoch herzustellen. Ebendiese Diskrepanz der Bild- und Tonelemente ist es, die einen inhaltlichen Mehrwert erzeugt; auf diese Weise werden Widersprüchlichkeiten und Missstände der österreichischen Gesellschaft aufgezeigt. Oft geschieht dies auf eine humorvolle, sarkastische Art und Weise.

 

Ständiger Begleiter des Films sind fröhliche österreichische Heimatlieder, deren Illusion einer heilen Welt ironisch der Wirklichkeit, in der Unterdrückung und Gewalt vorherrschen, gegenübersteht.

 

Die künstliche Ästhetik des Films lässt Wien geradezu unwirklich erscheinen, beinahe wie einer (Alp-)Traumwelt entsprungen. Die meisten Szenen sind künstlich eingefärbt, es dominieren die Farben violett, rot und grün in unterschiedlicher Intensität. Allein die Einblicke in das Leben der unpolitischen jungen Generation sind mehrfarbig, wirken wie von Laien gedrehte alte Familienvideos. Die einzelnen Erzählstränge werden teilweise durch eingeblendete Wörter oder Zitate, oft voller Rechtschreibfehler, getrennt.

 

Testament ist voller Filmzitate, es sind Anlehnungen an Werke aus den Genres Western, Science Fiction, Action und aus japanischen Kampffilmen zu finden. Wie in den meisten von Radax´ filmischen Werken spielen die öffentlichen Kommunikationsmittel und deren Medialität eine nicht zu verachtende Rolle. Immer wieder verschwimmen Realität und Fernsehberichterstattung, man verfolgt das Geschehen über ein technisches Gerät oder sieht Szenen gedoppelt, parallel in Wirklichkeit und auf dem Bildschirm. In Testament wird auch Kritik an den Massenmedien und ihrer Glaubwürdigkeit ausgeübt.

 

Es lässt sich nicht immer klar zuordnen, ob die Berichte aus dem Off von Seiten der Literaten, der Regierung oder der Polizei ausgehen. Relativ sicher ist jedoch, dass die Berichterstattung nie wertneutral und objektiv erfolgt, sondern immer einseitig die Interessen der jeweiligen Sender verfolgt.